Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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U N S T A U S

KRONPRINZ EN PALAIS

Unter den vielen Sonderausstellun-
gen ist die Ausstellung von Bil-
dern und Zeichnungen van Goghs bis-

her die beste, trotzdem einige der besten in Berliner
Privatbesitz befindlichen und bequem erreichbaren Werken
des Holländers fehlen. Jedenfalls ist eine willkommene Ge-
legenheit geschaffen worden, unser Verhältnis zu van Gogh
nachzuprüfen.

Es bestätigt sich auch in diesem Fall, wie schnell sich
das Auge auf die Sehweise eines zuerst der Willkür ge-
ziehenen Künstlers einstellt, sofern dieser Künstler eine ur-
sprüngliche Begabung, das heißt ein Organ des Zeitwillens
ist. Vor zehn Jahren galt van Gogh noch als ein wilder
Stürmer, als ein Gewaltsamer mit furioser Arbeitsweise.
Heute ist der Eindruck ganz anders. Van Goghs Malerei
erweckt in dieser Sonderausstellung in erster Linie den Ein-
druck einer sehr geistigen Pikanterie. Zunächst spricht die
beseelte Ornamentalität dieser Kunst, die rokokohafte An-
mut der farbigen Pinselschrift. Das Naturerlebnis (die Im-
pression) wirkt noch immer stark, aber es überwältigt nicht
mehr. Man spürt deutlicher das Ideenhafte darin; dieses
aber hat sich in etwas Schmuckhaftes verwandelt. Van
Gogh erscheint vor allem als ein Maler der Bewegung.
Sein Pinsel macht, daß die Wolken ziehen, daß der Wind
weht, daß Bäume und Gräser sich wiegen, daß es in der
ganzen südlichen Sommerwelt rauschhaft flutet. Diese Be-
wegung aber stellt sich ornamental dar, der Pinsel zeichnet,
er erzählt von der Bewegung, sogar vom Wachsen der
Bäume und von den gebirghaften Faltungen der Erde.

Van Gogh neigte von Natur einem mystischen Allgefühl
zu. Das hat in ihm die Lust zum Symbolisieren geweckt.
Aber er war auch, in all seiner mönchischen Absonderungs-
lust, in all seiner seelischen Heftigkeit, ein sehr geistreicher
Künstler. Aus der Mischung von symbolisierender Mystik
und geistreich knapper Formulierung sprang eben jene
ausdrucksschwere Pikanterie hervor, die den Bildern einen
so merkwürdigen Charakter gibt. Indem van Gogh die
„lebenden Punkte" der Erscheinung suchte und in Kurz-
schrift aufzeichnete, näherte er sich den Japanern. Er sucht
das letzte Wort und will es so treffend kurz wie möglich
sagen: das ist seine Artistik. Er hat in sich, und darum in
der Natur, einen Zw'iespalt zu schlichten: seine Anschauung
ist zugleich heroisierend und profanierend; während er die
Natur skelettiert malt er die Idylle. Ein großes Talent, ein
bedeutender Mensch, wenn man will ein Klassikerl Aber
ein Klassiker der Auflösung. Seine Kunst ist geladen mit
Spannung; in der Freudigkeit, womit sie sich äußert, ist ein

STELLUNGEN

Ton, den man beinahe falsch nennen kann, dessen natürliche
Künstlichkeit (man erlaube dieses Paradox) aber zu Herzen
geht. Um zu verstehen, was van Gogh fehlte und was er
darum durch anderes ersetzen wollte, muß man in den Im-
pressionistensaal des Kronprinzenpalais gehen. Dort ist mit
natürlicher Heiterkeit und naiver Sinnlichkeit getan, wozu
van Gogh — und seine nachgeborene Generation — die
innere Anstrengung brauchte. Dort ist es darum auch mit
den Mitteln reiner Malerei getan.

Van Gogh mußte notwendig ein Zeichner werden. Das
Beste der Ausstellung sind die Schwarz-weißblättcr. Einige
Zeichnungen sind schlechthin altmeisterlich groß, sie sind
klassisch. Die Farbe hingegen ist gedanklich übertragen.
Sie ist schön, aber auch zu pikant; sie ist wahr, aber zu
geistreich w^ahr. In ihrer pfirsischblütenhaften Süßigkeit so-
wohl wie in ihrer unnachsichtlichen Herbheit erscheint sie
leise vergiftet. Sie zumeist zeigt, wie sich ein Elementar-
empfinden einer sensiblen Reizbarkeit verbunden hat; sie
zeigt wie das Spontane in der Kunst van Goghs sich spitz
gibt, wie das Sinnliche sich zur Arabeske verdünnt. So
kommt es, daß heute fast spielerisch (wie ein Mvstiker-
spruch von Angelus Silesius) wirkt, was uns ehemals un-
gebrochen titanisch erschien. Und wir müssen annehmen,
daß van Goghs Kunst heute richtiger auf uns wirkt, wo
sie uns den Manierismus der Nachimpressionisten einzuleiten
scheint.

Wir wollen es aber nicht verschwören. Vielleicht stehen
wir nach einem weiteren Jahrzehnt wieder als andere vor
diesen Werken. Die Bilder und Zeichnungen werden in
Ruhe die Probe abwarten. Denn sie haben das, was die
Zeiten überdauert.

*

Die Sonderausstellung von Werken Henri Matisses —
ein halbes Dutzend den Künstler durchweg nicht gut reprä-
sentierender Bilder, auf einer scheußlichen gelben Wand,
flankiert von Bildern Purrmanns, Levis und Molls — war
sehr unzulänglich. Von den Neuerwerbungen mag später
einmal im Zusammenhang die Rede sein. Die Sonderaus-
stellungen von Bildern Slevogts und Corinths hätten sich
wirkungsvoller gestalten lassen. Zu erwähnen bleibt schließ-
lich noch, daß einem der Genuß durch die diktatorischen
Anweisungen eines Saaldieners, leise aufzutreten und leise
zu sprechen (nebenan sei Vortrag!) verleidet wurde.

K. Sch.

NOTIZ

Das Bild Pechsteins „Italienische Stadt", das im io.Heft
wiedergegeben worden ist, bedurfte der Reproduktionser-
laubnis der Kunsthandlung Fritz Gurlitt.

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