Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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NEUE BÜCHER

DIE KUNST

IN OSWALD SPENGLERS „UNTERGANG DES ABENDLANDES"

VON

O T TO G R A UT OFF

Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes" hat seit
ein bis zwei Jahren einen sensationellen Erfolg zu
verzeichnen, wie ihn seit langem kein wissenschaftliches
Buch erzielte. Obwohl die bildende Kunst im Untergang
des Abendlandes einen breiten Raum einnimmt, ist das Werk
meines Wissens bisher nur in Kunstblättern der Jugend be-
wundernd kommentiert worden, hat aber in keiner älteren
kunsthistorischen Zeitschrift eine ausführliche Würdigung ge-
funden. Das liegt offenbar daran, daß Spengler die bildenden
Künste nicht für sich behandelt, sondern in seine „Morpho-
logie der Weltgeschichte" eingegliedert und die Charakte-
ristik der Architektur, Plastik und Malerei mit Analogien aus
der Musik, Literatur, Mathematik, Physik usw. durchsetzt hat,
deren Richtigkeit nachzuprüfen nicht allen Kunsthistorikern
gegeben ist. Da Spenglers Darstellung durch die unerschöpf-
liche Fülle von Analogien dem Fachgelehrten zu entgleiten
scheint, wird es auch dem Kunsthistoriker nicht leicht, die-
sem Buche gegenüber eine präzise Stellung zu gewinnen.
Mag er im Anfang sich gegen diese oder jene Gleichsetzung
einer künstlerischen Erscheinung mit anderen geistigen Phä-
nomenen auflehnen, allmählich versagt teils aus dem Mangel
an Sachkenntnis, teils infolge einer allgemeinen Erschlaffung
des Lesers sein Widerstand gegen diese Flut von Analogien,
und er erliegt dem dialektischen Schaum, der dem Buche
entströmt; denn die suggestive Kraft des Buches beruht gerade
in dem Analogienreichtum. Ich möchte einleitend versuchen,
den ersten Eindruck des Buches zu schildern und seine fas-
zinierende Wirkung- charakterisieren. Verführerisch wirkt das
Buch nur, wenn man es so atemlos liest, wie es geschrieben
ist. Gibt man sich dem Autor restlos hin, so wird man hyp-
notisiert. Und in der Selbstaufgabe läßt man sich von der
Flut der Bilder und Gedanken umrauschen und mitreißen.
Diese sich überstürzenden Analogien fordern fortgesetzte Ge-
dankensprünge, die den Leser am Durchdenken der einzelnen
Gedanken hindern. Auf Seite 267 stellt Spengler die These
auf: „Die Einsamkeit der faustischen Seele verträgt sich nicht
mit einem Dualismus der Weltmächte. Gott selbst ist das
All." Im Zusammenhang seiner Darstellung haben diese Sätze
einen klaren Sinn. Bisher folgte in der Wissenschaft der
These der Beweis. Spengler unterläßt die Beweisführung,
versucht dagegen durch eine Folge von Behauptungen und
Analogien die These zu stützen. Man liest weiter: „Im sieb-
zehnten Jahrhundert versagt dieser Religiosität gegenüber
die Formensprache der Malerei, und die Instrumentalmusik
wird das einzige und letzte Mittel religiösen Ausdrucks. Man
darf sagen, daß der katholische und der protestantische Glaube
sich wie ein Altargemälde und ein Oratorium verhalten."
Beide Sätze enthalten in ihrem Kern etwas Richtiges, Ge-

danken, die in ähnlicher Form schon in anderen Schriften
enthalten sind. Diese Gedanken sind aber weder in ihrer
ganzen Tiefe erfaßt noch in klarer Plastizität herausgearbeitet.
Es wird dem Leser auch garnicht Zeit gelassen, einen dieser
Gedanken zu Ende zu denken, denn schon im zweiten Satz
wird er vom ersten Gedanken abgelenkt und in eine neue
Vorstellungsbahn gezogen. Auch der zweite Satz hat etwas
Richtiges. Würde man sich Zeit nehmen zum Nachprüfen
dieser Analogie, so würde man leicht ihren einseitigen, flachen,
schiefen Charakter erkennen. Allein diese Zeit gewährt der
Autor dem Leser garnicht. Im nächsten Satz wird die Vor-
stellung, die im letzten Gedanken erweckt wurde, schon wie-
der durch eine neue Vorstellung abgelöst, deren Treffsicher-
heit sofort einzuschätzen über den Fachrahmen der Kunst-
geschichte hinausgeht: „Schon um die germanischen Cötter
und Helden spannen sich abweisende Weiten, rätselhafte Dü-
sternisse." Diese Buntheit findet sich auf einer einzigen Seite;
und diese eine Seite ist typisch für alle Seiten.

Wenn hier einzelne Sätze Spenglers ausgezogen und in
kritische Beleuchtung gerückt werden, so ist es leicht, ihre
Unklarheit und Verschwommenheit zu erkennen. Eine solche
bedächtige und vorsichtig wägende Betrachtung einzelner
Thesen und Analogien entspricht aber nicht der ersten Lek-
türe eines Buches. Hinzu kommt, daß im Augenblick der
Weltkatastrophe dem Titel des Buches eine aktuelle Span-
nung innewohnt, die zu einem „Verschlingen" der 640 Seiten
reizt. Die Gegenwartsstimmung wird ferner durch Übernahmen
und Umprägungen vieler Gedanken von Nietzsche, Bergson
und Vaihinger sympathisch berührt.

Auf Seite 267 heißt es: „Die apollinische Seele ist der
hohe Mittag, wenn der große Pan schläft." Dieser Satz muß
gefühlsmäßig auf eine Generation wirken, die Nietzsche in sich
aufgenommen hat. „Walhall ist lichtlos". Auch hierin spürt
man Gedankenzüge des Philosophen von SilsMaria. „Wotan,
Baidur, Freya hatten nie eine euklidische Gestalt ... War
nicht auch die Schöpfung der antieuklidischen Analysis des
Raumes durch Descartes ein Bildersturm?" Für eine rein ge-
fühlsmäßige Interpretation der Geistesgeschichte ein pracht-
volles Bild. Mathematiker aber halten diese Interpretation
des Descartes für Unsinn. Die weitere Darstellung von Des-
cartes philosophischer Bedeutung beruht auf einer Ver-
drehung historischer Tatsachen, auf die hier nicht weiter ein-
gegangen werden soll. Das alles ergibt sich bei genauerer
Lektüre des Werkes. Sobald man den hypnotischen Zwang
des Autor abgeschüttelt hat, kommt man hinter seine Rat-
tenfängerkunststücke. Dann wird man den Eindruck nicht
los, als ob dieser Oberlehrer aus Bayreuth ein Geistesbruder
des Rembrandtdeutschen sei, der als genialischer Kombina-

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