Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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REMBRANDT, GEHÖFT UNTER BÄUMEN. LAVIERTE FEDERZEICHNUNG

HAMBURGER KUNSTHALLE

NEUE BUCHER

Hendrick Goltzius von Otto Hirschmann. Meister
der Graphik, Band VII. Leipzig, Klinckhardt & Biermann.

Sucht man die Formel, mit der ein Meister wie Hendrick
Goltzius am kürzesten und schlagendsten zu charakterisieren
wäre, so mag man ihn den Paganini des Kupferstichs nen-
nen. Er ist der erste ausgesprochene Virtuose in der Kunst,
ein unerhörtes Talent, dem nichts fehlt außer dem wesent-
lichsten, nämlich dem Charakter. Er konnte alles, aber seine
Arbeit war niemals von dem inneren Zwange diktiert, der
ihr erst eigentlich den Charakter des Notwendigen verleiht.
Er ist der wandlungsfähigste unter den Künstlern, und sein
Freund und Biograph van Mander nennt ihn mit Recht
„einen seltsamen Proteus oder Vertumnus in der Kunst,
fähig, sich in jeden Stil hineinzufinden".

Es ist nicht leicht, einem Künstler solcher Art vom Stand-
punkte unserer Zeit, die den Begriff des Eigenschöpferischen
bis zum äußersten überspannt hat, gerecht zu werden. Sein
neuester Biograph, der mit außerordentlicher Liebe und
Gründlichkeit sich in das Werk des Meisters versenkt hat,
versucht es, indem er wesentlich die technische Leistung in
den Vordergrund rückt. Und er hat insofern ganz gewiß
recht, als Goltzius derjenige gewesen ist, der dem Kupfer-
stich nach Dürer die entscheidende Wendung gegeben hat.
Denn von ihm nehmen ebenso die Rubensstecher ihren
Ausgang, wie die Bildnisstecher des siebzehnten und acht-
zehnten Jahrhunderts, und noch der Linienstich des neun-

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zehnten Jahrhunderts fußt auf der Tradition, deren Ahnherr
Goltzius gewesen ist. Aber Goltzius war anderseits nicht
nur Kopist, sondern auch erfindender Künstler, und in einer
merkwürdigen Weise vermischen sich in seinem Werke die
Stilarten fremder Meister und die verschiedenen eigenen
Manieren. Charakteristisch für seine Schaffensweise sind
die sechs „Meisterstiche", die ihren Namen nicht darum er-
hielten, weil in ihnen sich die höchste Meisterschaft ihres
Schöpfers verkörpert, sondern weil sie die Art von sechs
verschiedenen Meistern der Kunst täuschend nachahmen.
Goltzius variiert da zur gleichen Zeit Bildthemen des Dürer
und des Lukas van Leyden, des Parmigianino und des
Baroccio. Er ist Manierist mit Spranger, Klassizist mit
Rafael und ein Porträtist von minutiösester Schärfe der Form-
wiedergabe.

So ist das Werk des Goltzius gewiß nicht geeignet, als
Material zur Lösung des eigentümlichen Problems des Ma-
nierismus, das nirgends noch zureichende Behandlung fand.
Auch Hirschmann neigt ein wenig dazu, sich in diesem
Punkte mit den landläufigen Urteilen zu begnügen. Die Be-
deutung des Künstlers Goltzius, soweit er nicht in erster
Linie Stecher gewesen ist, wird aber nur in dem größeren
Zusammenhang einer Formengeschichte des Manierismus,
die eine der dringendsten Aufgaben der Kunstgeschichte ist,
ganz geklärt werden können. Ähnlich wie die Frührenais-
sance zur „klassischen Kunst" verhält sich der Manierismus
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