Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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GLOSSEN

VON

KARL SCHEFFLER
FÜHRUNGEN

Im ersten Bildersaal des Museums versammeln
sich die Teilnehmer. Sonntags sind es meistens
Arbeiter und Angestellte, wochentags überwiegen
die Frauen und jungen Mädchen. Zur bestimmten
Zeit kommt dann der „Herr Doktor" und die Füh-
rung beginnt. Der Augur treibt seine Herde zuerst
vor ein Bild von Renoir, erklärt, das sei ganz nett
und talentvoll gemacht, letzten Endes sei diese Art
Malerei aber nur die Wiedergabe eines zufälligen
Naturausschnitts und einer einmaligen Stimmung.
Dann wird der Schwärm vor ein Bild von Kirchner
geführt. Das sei schon besser, schon richtiger.
Die Natur sei mehr übersetzt, es sei weniger Auge
und mehr Seele in dieser Kunst, es sei nicht das
Einmalige gemalt, sondern das Erlebnis des Blei-
benden. Den Gipfel künstlerischen Vermögens
aber hätte Christian Rohlfs erstiegen, erklärt, nun
allmählich warm geworden, der Kunstdoktor vor
einem Blumenstilleben. Er erst sei der reine Ex-
pressionist, er sehe die Dinge kosmisch, eine heilige

Mystik brüte über den Gegenständen — und so
weiter.

Morgen kommt ein anderer Erklärer, ein anderer
Führer und sagt ungefähr das Gegenteil. Und das
geht jeden Wochentag, den Gott werden läßt. Das
Publikum weiß bald nicht mehr, wo es vor lauter
Kunstbildung bleiben soll; die Forderung: die Kunst
dem ganzen Volke 1 wird Wirklichkeit, die Bilder
der philosophierenden Stilisten werden mehr an-
gesehen als einst die Unterhaltungsmalereien zur Zeit
Antons von Werner. Wir haben — endlich — ein
Kunstleben I —

In den Museen alter Kunst mag der überhand-
nehmende Unfug der Führungen noch hingehen.
Wer dort führen will, muß etwas wissen und kann
darum wenigstens Wissen mitteilen. Und vor alten
Meisterwerken ist kaum ein Unglück anzurichten.
Frevelhaft aber wird dieser Volksaufklärungsbetrieb
in den Museen neuerer und neuester Kunst. Dort
wird er in vielen Fällen zum Schwindel, weil nur

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