Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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ADOLF V. HILDEBRAND f

(6. OKTOBER 1847—18. JANUAR 1.921.)

VON

HERMANN KONNERTH

T^vie Krankheit hat wie ein düsterer, schwerer Schatten
-*—' auf den letzten Monaten des bis dahin so hellen, tag-
hellen Lebens Adolf v. Hildebrands gelagert. Überall wirkt
Krankheit drückend, aber hier schien sie so ganz und gar
ein Widerspruch und eine Verneinung. Nun aber am
18. Januar der Tod gekommen ist, erringt wieder einmal im
Sterben das Leben einen wunderbaren Sieg über den Tod.
Das goldene Licht bricht wieder hervor und breitet sich aus:
ein herrliches, unvergängliches Leben hat sich vollendet.

Ein wunderbarer Reichtum war und bleibt dieses Leben.
Und wunderbar in sich aufgebaut. Aber nicht zu überblicken,
wenn jener Abstand fehlt, den Hildebrand selbst so nachdrück-
lich vor jedem einzelnen Werke der Kunst schon verlangt.
Irreluhrend, ja verneinend ist jedes nahe Tasten, verstehend
und befreiend ist nur der Blick auf das geistige Ganze.

Und sähen wir zunächst auch nur seine Brunnen und
Bildnisbüsten: welch eine Welt ist dal Mag man dann
über einzelne seiner Grabmäler ablehnend urteilen, das ein-
zelne Reiterdenkmal kritisch betrachten, mit allen wieder
einstimmend den Rhythmus seiner Reliefkompositionen be-
wundern: das Wesentliche wird dort getroffen, wo auf die
ungeheure Kraft des anschaulichen Erlebnisses hingewiesen
wird, in welchem Hildebrand die Welt erfaßt hat und das
der eigcntlicne Kern seines Lebens geworden ist.

Aber Hildebrand war sehr vielseitig und seine Vielseitig-
keit war von jener besonderen Art, die Konrad Fiedler
meint, wenn er einmal sagt: Viele sind vielseitig, indem
sie einer Betrachtungsweise viele Dinge unterwerfen, aber
nur wenige sind vielseitig, indem sie ein Ding mehreren
Betrachtungsweisen unterziehen. Hildebrand gehörte zu
diesen letzteren. Der Kern seines Lebens, die anschauliche
Welt wurde in seinem Erlebnis zum Bilde, zur Plastik, zur
Architektur; aber diese selbe Anschaulichkeit wurde ihm
auch der Gegenstand schärfsten zerlegenden Nachdenkens,
— nicht als Vorstufe des künstlerischen Bildens, sondern
neben dem künstlerischen Bilden in völlig eigener Art der
Betrachtung, in eigentümlich philosophischer Selbstbesin-
nung, die eine der wesentlichen Seiten seiner reichen Natur
gewesen ist.

Und diese verschiedenen Seiten seiner Natur standen in
einem wunderbaren Gleichgewicht zueinander, wie er über-
haupt einer der wenigen schöpferischen Menschen gewesen
ist, deren Seele das Gleichgewicht eigentümlich zukam.
Wer dieses nicht kennt, weiß freilich nicht, daß Theorie
und praktisch-produktives Schaffen einander nicht stören,
sich nicht gegenseitig in ihre Rechte greifen müssen, viel-
mehr in Erkenntnis ihrer gegenseitigen Grenzen einander
lördern und befruchten können. Aber gewiß, nur an einem
Punkte sehr hoher geistiger Entwicklung werden solche Er-
kenntnis und solches Zusammenarbeiten möglich. Hilde-
brand hat es durchgeführt.

Während rein intuitive Naturen ohne Reflexion auch
ohne Halt im Subjektiven stecken bleiben oder nur unter

großer Anstrengung und unter ständigen Gefahren Theorien
zuhilfe nehmen, während rein reflektierende Naturen ohne
Intuition arm und dürr versanden oder nur spärlich, von
fremder Intuition befruchtet, Blüten treiben; — sind diese sel-
tenen Naturen aufs höchste zu beneiden, die wie Hildebrand
— oder wie Dürer — von allem Anfang an bei einer über-
aus kräftigen Intuition und Sinnenfreudigkeit doch auch
einen starken Drang zur Selbstbesinnung mit sich bringen
und die immer wieder auch wissen wollen, was es doch
eigentlich auf sich habe mit dem, was sie tun, wenn
sie so recht dem unmittelbarsten Drange ihres Herzens
folgen.

Es war etwas wunderbares, wie sich Hildebrand dem un-
mittelbaren Erlebnis hingab, — in starker, produktiver Ak-
tivität, — und dabei doch in horchender, tiefer Bescheiden-
heit der Seele. Und etwas wunderbares, zu beobachten,
wie während der Debatte bei ihm Gedanken entstanden
und immer wieder völlig neu entstanden. Niemals vertei-
tigte er starre Sätze, stets war es ein Hören, ein Erwidern,
ein Vergegenwärtigen und ein Klären des Sachverhaltes.
Daß bei solchem Debattieren gerne alles andere vergessen
wurde, weil es in sich so fruchtbar war, ist wohl zu be-
greifen. — Nur aus einer solchen Hingabe, nur aus einem
solchen Erleben von Denken und Gestalten als eines tief-
innersten Berufes konnte jene Harmonie, jenes Glück und
jene Heiterkeit seines Wesens erstehen, die aus seinem sonnen-
haften blauen Auge sprachen und leuchteten.

Je originaler, je selbstsicherer ein Werk geistigerSchöpfung
ist, umso sicherer findet es auch seine bestimmte Stellung
im großen Zusammenhang der geistigen Schöpfungen über-
haupt. Ein solches im besten Sinne persönlich originales
Werk ist Hildebrands „Problem der Form".

Als ich mein Büchlein über die Kunsttheorie Konrad
Fiedlers (R. Piper & Co., München 1909) schrieb, lag es sehr
nahe, nach dem Verhältnis der Gedanken Fiedlers zu jenen
Hans v. Marees' und Adolf v. Hildebrands zu fragen. Sehr
bald entdeckte ich die vollständige Unabhängigkeit der drei
Gedankenkomplexe voneinander, ja sogar den größten Unter-
schied der drei Denkcharaktere. Gemeinsam war eigentlich
nur der eine Grundgedanke der Anschaulichkeit aller bil-
denden Kunst. Dies hätte allerdings schon genügt, mich
zu veranlassen, die drei Theorien ganz nahe nebeneinander-
zustellen, nicht aber, sie nebeneinander zu entwickeln und dar-
zustellen. Erst der originale Bestand jeder der drei Theorien,
der große wesentliche Unterschied, der zwischen ihnen ob-
waltete, zeigte mir, wie merkwürdig sie sich einander er-
gänzten und zu einer größeren Einheit verbinden ließen.
Es ist aber nicht meine Schuld, wenn jene meine Darstel-
lung zu einigen späteren Mißverständnissen geführt hat, so
daß man fälschlicherweise sogar von einer Fiedler-Hilde-
brandschen Theorie gesprochen hat. —

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