Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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MUNCHENER MALEREI UM 1800
AUSSTELLUNG DER GALERIE HEINEMANN

VON

WALDEMAR LESSING

Die Erkenntnis einer der reizvollsten Epochen neuerer
deutscher Kunstgeschichte „Die Münchener Malerei
um 1800" hat seit der Jahrhundertausstellung und der Re-
trospektiven in München 1906 nur geringe Fortschritte ge-
macht.

Während sich uns die künstlerischen Schöpfungen und
die Ideenwelt der norddeutschen Romantiker, der Caspar
David Friedrich und Philipp Otto Runge, mit dem wieder-
erwachten Interesse für die literarische Romantik in geisti-
ger und ästhetischer Beziehung erschlossen haben, ist von
Malern wie Wilhelm von Kobell nicht viel mehr geblieben
als die Erinnerung an das Erstaunen, das damals seine Bilder
hervorriefen. Er gehörte zu den „großen Überraschungen"
von 1906 — bei ihm sah man den Beginn des Aufstieges
zur Höhe des Impressionismus des neunzehnten Jahrhunderts.
Durch die in der Galerie Heinemann Juli bis September 1920
veranstaltete Ausstellung war es möglich, einen Schritt weiter
zu kommen: vom Stadium des bewundernden Erstaunens
zum würdigenden Erkennen. Die Ausstellung zeigte Werke

der besten Münchener Künstler der Epoche wie Wilhelm
von Kobell, Johann Georg Dillis, Johann Jakob Dorner d. J.,
Josef Wagenbauer aus ihren verschiedensten Schaffensperio-
den. Sie machte die Stellung der Münchener Malerei zu den
Kunstströmungen und Geschmacksrichtungen gegen und um
die Jahrhundertwende durch die Mannigfaltigkeit der ver-
tretenen Werke und Meister ersichtlich.

Aus der Erkenntnis des persönlichen Stiles und des
Lokalsstils eröffnen sich Perspektiven auf den Zeitstil und
umgekehrt führt erst aus dem Wissen um die allgemeinen
künstlerischen Strömungen und Forderungen einer Zeit der
Weg zur Erkenntnis einer Künstlerpersönlichkeit und eines
begrenzten Lokalstils.

Es erscheint notwendig, sich von dem künstlerischen
Zeitbild eine Vorstellung zu machen. Als Karl Theodor, der
Kurfürst von der Pfalz, Herzog von Jülich und Berg 1777
auch Kurfürst von Bavern wurde — als Nachfolger des
kinderlos gestorbenen Max III. Josef, des letzten Wittels
bachers gerader Deszendenz — befand sich die bayerische

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