Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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PERSISCHE FEDERZEICHNUNG, BLINDE AUF DEM MARSCH

EINE PERSISCHE ZEICHNUNG DER PARABEL VOM
BLINDEN BLINDENLEITER

VO N

FRIEDRICH SARRE

Vor mehr als Jahresfrist wies ich in dieser
Zeitschrift auf die im siebzehnten und acht-
zehnten Jahrhundert häufig zu beobachtende Be-
einflussung der persischen Miniaturmalerei durch
europäische Kunst hin und konnte bei einer
Arbeit des Riza Abbasi sogar das Vorbild an-
geben, das dieser führende persische Künstler
über ein Jahrhundert nach seiner Entstehung in
origineller Weise nachgebildet und gleichsam
ins Persische übersetzt hat*. Zur Ergänzung des
damals Mitgeteilten sei hier die Aufmerksamkeit
auf eine persische Pinselzeichnung gelenkt, die
gleichfalls auf eine europäische Vorlage zurückzu-
führen ist.

Das aus dünnem durchscheinendem Papier be-
stehende Blatt, wie üblich von einem Sammler
auf einen Pappkarton geklebt und von farbigen
Randleisten eingerahmt, ist mit einer gleich großen
jüngeren Zeichnung vereinigt worden, die in An-
lehnung an erstere geschaffen, hier als unerheblich
nicht in Betracht kommt. Zu dieser Zeit, etwa
im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts, hat man
unserer Zeichnung in Blattgold gemalte Pflänzchen
hinzugefügt.

Es handelt sich um eine typische persische

* Kunst und Künstler, Jahrg. XVII., Heft VII, S. 258:
Eine persische Kopie von Peruginos „Beweinung Christi".

Federzeichnung aus der ersten Hälfte des sieb-
zehnten Jahrhunderts, die im Stil unzweifelhaft
gleichfalls auf Riza Abbasi selbst oder seine Schule
zurückgeht. Ein Vergleich mit den Federzeich-
nungen, die wir von dem Künstler in dieser Zeit-
schrift und auch in einer Sonderpublikation ver-
öffentlichten*, und deren Stil wir kritisch be-
handelten, bestätigt diese Zuweisung und enthebt
uns hier der Pflicht, sie näher zu begründen.

Dargestellt ist ein sich nach rechts bewegender
Zug von acht Männern mit einem hinter einem
Hügel hervorkommenden Packesel zum Schluß.
Der gebückte Mann an der Spitze scheint sich,
auf einen Stock gestützt, mühsam vorwärts zu
tasten, ebenso der zweite; alle bilden sie sich um-
faßt haltend oder eine Hand auf die Schulter des
Vordermanns legend, gleichsam eine lebende Kette.
Diese Sonderlichkeit in Verbindung mit der nach
oben gewandten Kopfhaltung einzelner und mit
dem blöden Gesichtsausdruck anderer, macht es
unzweifelhaft, daß es sich hier um die Wiedergabe
von Blinden handelt; man wird an die uns aus
der flämischen Kunst bekannte Darstellung der Pa-
rabel erinnert, welcher die Worte Jesu (Matthäus 5,

* Kunst und Künstler, 1910, S. 45 ff.: Riza Abbasi, ein
persischer Miniaturmaler. — Sarre und Mittwoch, Zeich-
nungen von Riza Abbasi; München 1914.

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