Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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UNSTAUSSTELLUNGEN

BREMEN

ALTE MEISTER
NEBEN NEUEN MEISTERN

In unserer historisch orientierten Zeit ist der Kunstbetrachter
vielfach nicht mehr imstande, selbst Dinge der geistigen
Sphäre wie Kunstwerke anders als nach historischen und
sogar entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten darwi-
nistischer Färbung zu sehen und zu werten. Nach diesen
Prinzipien der zeitlichen, der länder- und schulmäßigen Zu-
sammengehörigkeit hängen auch unsere Museen. Sie sind
dazu gezwungen, weil sie nicht nur dem Kunstgenuß, son-
dern auch der kritischen Forschung und kunstgeschichtlichen
Belehrung zu dienen haben. Die Wirkung des einzelnen
Kunstwerkes als solches wird dadurch beeinträchtigt. Es
erhält seine Schätzung zugewiesen durch die Art, mit der
es sich als Glied in die fortlaufende Kette des kunstgeschicht-
lichen Geschehens einfügt, während es in Wahrheit ein
Einmaliges, Zeitloses ist, dessen Wert auf ganz anderen
und spezifischen Eigenschaften beruht, die nicht abhängig
sind von Zeit und Ort seiner Entstehung, von der Stilform,
in der es sich äußert. Historische Assoziationen können
wohl sein Verständnis fördern, aber das Wesentliche am
Kunstwerk bleibt durch sie unerkläit, ja überhaupt unbe-
rührt.

In der Ausstellung der Bremer Kunsthalle sind nun
Bilder der Galerie und solche aus bremischen Privatbesitz,
und zwar ausschließlich Dinge von hoher Qualität aus sechs
Jahrhunderten ohne Rücksicht auf ihre Entstehungszeit
nebeneinander gehängt. Werke verschiedenster Zeiten und
Stile sind zusammengebracht und das Jahr 1800 ist nicht
als eine unüberwindliche Cäsur in der Kunstgeschichte an-
erkannt. Sinngemäß ist mit Handzeichnungen und Graphik
verfahren.

Dadurch, daß die Dinge einmal aus ihrer gewohnten
historischen Umgebung gelöst sind, daß Feuerbach zwischen
Barockmeistern, Cranach neben van Gogh und Münch, ein
Behamporträt über einem Thoma hängt, ist ihnen die Zeit-
losigkeit, die ihnen zukommt, verschafft. Es erweist sich
einmal wieder, daß Echt neben Echt, Qualität neben Qualität
sich stets verträgt, daß stilistische Gegensätze einander nicht
nur nicht schädigen, sondern oft Entscheidendes heraus-
heben. Aufgabe des Hängenden ist es, über die Gesamt-
wirkung einer Wand zu wachen, die feinen, nur dem Gefühl
faßbaren, Verwandtschaften der Gesinnung durch Beziehung
oder Gegensatz für jedes Bild auszubeuten.

Mancher alte Meister, auch solche zweiten Ranges, wie
z. B. Dusart und Asselyn, werden ganz neu gewürdigt,
wenn man sich ihrer altmeisterlichen, auf der Tradition
und der Einheitlichkeit der künstlerischen Gesinnung be-
ruhenden Sicherheit der Bildgestaltung, neben den beiden
Trübners, die sie einrahmen, bewußt wird.

Daß Dürer und Lucas van Leyden mit Thoma und
Ludwig Richter, daß Largilliere mit Courbet und dem frühen

Manet zusammengehen, als wären sie für diese Nachbar-
schaft geschaffen, erweist, wie schwerwiegend die Zusammen-
hänge sind, die Gleichheit der Rasse schaffen.

Es ist eine Ausstellung, die das Qualitätsgefühl schärft,
die neue und fruchtbare Gesichtspunkte für die Kunst-
betrachtung schafft, ein Feuerbad für die moderne Kunst.
Manche alte Wertung wird gestützt, manche wird auf ein
bescheideneres Maß zurückgeführt. von Alten.

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DRESDEN

GRAPHISCHE AUSSTELLUNG
GALERIE ERNST ARNOLD

Die Galerie Ernst Arnold in Dresden, seit Jahrzehnten
angesehen als eine Hauptpflegstätte für künstlerische
Graphik, veranstaltet eine Überschau über eine Anzahl mo-
derner Schwarz-Weiß-Künstler. Die Ausstellung beansprucht
und verdient besondere Beachtung, weil sie nicht, wie es
sonst üblich ist, einen anschaulichen Querschnitt durch die
Produktion des Tages legt, sondern aus dieser Produktion,
seit etwa 1900, die führenden Persönlichkeiten in bewußter
Ausschließlichkeit heraushebt und ihr Schaffen in bezeich-
nenden Hauptwerken, künstlerisch feinfühlig und ausstel-
lungstechnisch glänzend angeordnet, zur Geltung bringt.
Was nur als Niveau Bedeutung hat (und das ist das Meiste
des Heutigen), ward ignoriert. Nur die wirklich schöpfe-
rischen Werte kommen zu Wort.

Das leitende Motiv einer solchen Ausstellung heißt also:
Auswahl. Und zwar nicht nur Auswahl der Künstler allein,
sondern auch innerhalb der einzelnen Oeuvres, Auswahl
des Besten. Man kann einem Künstler mit zwanzig Arbeiten
besser zu seinem Rechte verhelfen, als mit hundert. Es
müssen nur die richtigen zwanzig Arbeiten sein. Das ist
hier geschehen. (Denn nicht alles Existierende hat Recht,
nur weil es eben existiert.) Neben der Auswahl kommt es
dann auf die richtige Zusammenstellung an. Durch sie
werden plötzlich ganz neue Wertungen fühlbar, man sieht
Zusammengehörigkeiten,Temperamentsverschiedenheiten und
Qualitätskontraste, auf die man bei theoretischer Betrach-
tung, wie etwa in Hartlaubs klugem und materialbeherrschen-
dem Büchlein über „Die neue Graphik" (Verlag E. Reiss)
nicht so ohne weiteres gekommen wäre. Käthe Kollwitz
in einem Raum mit Barlach und mit den besten Werken
von Max Klinger — das kann man nur praktisch sinnlich,
nur anschauend verstehen.

Am Eingang hängt Münch, als Vater der Moderne.
Kokoschka und Nolde sind die beiden Linien, in denen
die Bewegung weiterging. Kirchner entwickelt diesen Älteren
gegenüber einen neuen persönlichen Stil von graphischer
Schönheit.

Ein andrer Raum greift um. eine Generation zurück.
Den Oberbegriff bildet Menzel. Das Triumvirat Liebermann,
Slevogt und Corinth sind die Führer der Moderne von 1900,
die in Menzel den großen Ahnen verehren, so wie die

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