Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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motiviert war. Alles war ihm Erleb-
nis, ja genau genommen, war es die
Darstellung seiner eigenen Entwicke-
lung. Indem er sich bildete, bildete
er die Anderen. Der „Deutsche der Zu-
kunft", von dem er auf dem Dresdner
Kunsterziehungstage im ersten Jahr
des neuen Jahrhunderts ein ahnungs-
volles Bild entwarf — er war es selber,
freilich mehr als er es hätte wahr haben
wollen, ein Deutscher der Gegenwart.
Dieses Ideal einer modernen Kaloka-
gathie schloß die hypertrophische Aus-
bildung einer besonderen Fähigkeit aus.
Lichtwark war kein Fachmann und
mochte den Fachmann nicht. Gelegent-
lich warnte er geradezu vor ihm als
vordem Mann des Verhängnisses, dessen
bornierte Selbstgerechtigkeit die Reste
überkommener Kultur vollends zer-
splittern werde. Lichtwark war auch
kein Museumsmann oder, wofern er
es früher einmal in seinen Berliner
Jahren gewesen war, hörte er allmäh-
lich auf, es zu sein. Es mag den Fach-
mann verwundern und vielleicht so-
gar ein wenig beschämen, daß hieraus
kein Schaden erwuchs. Das Versäumte
konnte später nachgeholt werden, das
Geleistete dagegen war einmalig. Freilich be-
saß Lichtwark von den Tugenden des Museums-
mannes wenigstens eine sehr wesentliche: er ver-
stand zu sammeln. Nicht gerade, was sonst für
Museen gesammelt zu werden pflegt, aber eben
das, was seinen besonderen Absichten dienlich
war. Vieles davon wäre von jeder anderen Galerie
beiseite gelassen. Hier aber fügte es sich har-
monisch zusammen, wurde lebendig und formte
sich schließlich zu einem in seiner Art einzigen
Denkmal der künstlerischen Tätigkeit einer alten in
sich gefestigten Kulrurstadt. Dabei ist es bemerkens-
wert, daß es in Hamburg nie zur Bildung einer
kontinuirlichen Schule gekommen ist, deren Habi-
tus ein paar Generationen überdauert hätte. Nur
Ansätze dazu finden sich um 1400 und vierhundert
Jahre später noch einmal wieder.

Als Lichtwark die Augen schloß, durfte er sich
sagen, daß seine Kunsthalle fester als irgend ein
anderes vergleichbares Museum im heimischen

PH. OTTO RUNGE, SELBSTBILDNIS

Boden verwurzelt sei. Was er gesammelt hatte,
gehörte auch hierher. Darin leitete ihn ein untrüg-
licher Instinkt; er fühlte so stark als Hamburger,
daß er an seinem Platz als die Verkörperung des
genius loci stand. Die Niederländer des siebzehnten
Jahrhunderts sind hier beheimatet als die Anreger
oder geradezu die Lehrmeister der Hanseaten.
Und von den Führern der Malerei des neunzehnten
Jahrhunderts ist keiner zu entbehren. Sie sind
kaum noch als örtlich gebunden zu betrachten,
wirken überallhin, stützen und erläutern allerorten
die lokale Kunstübung.

Allmählich organisierte Lichtwark seine Samm-
lungen gruppenweise. Den Beginn machte die alte
hamburgische Kunst von den mittelalterlichen An-
fängen bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts;
daran schloß sich die übrige von uns als historisch
empfundene Malerei; das neunzehnte Jahrhundert
wurde in zwei Reihen dargestellt, der hamburgi-
schen und der deutsch-europäischen. Zuletzt kam die

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