Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

Page: 371
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1921/0383
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
mich vorläufig nicht, denn ich komme nicht so schnell
über unsere verschiedene Meinung oder unseren Alters-
oder Intelligenzunterschied hinweg, auch nicht über
Deinen Bildkauf, mit dem Du allerdings ein Helden-
stück vollbracht hast, das Dich hoffentlich bald, recht
bitterlich gereuen wird. Daß du schreibst: ich hielte
mich für den einzigen Künstler, außer uns usw., ist
eine Leichtfertigkeit, die Dir, trotz Deiner sonst patri-
zisch angenehmen und unangenehmen Haltung und
trotz Deiner vielfachen Duckmäuserigkeit so ähnlich
sieht. Du selbst wirst wissen, daß es außer mir
noch eine ganze Reihe anständiger Maler gibt, die
sich nicht Expressionisten nennen und auf Deinen
vermeintlichen Ehrentitel pfeifen. Zum Schluß noch
eine Definition des Künstlers, die Dein gedanken-
loses Genießen von jetzt ab wie ich hoffe nicht ohne
geistige Störung läßt. Ein Künstler ist ein Mensch,
der wie ein Geschundener von einer ganz besonderen
Schmerzempfindlichkeit ist und mehr Verdruß, Ärger,
Pein, Qual, Eolter bis zum Rasendwerden erduldet,
als irgend ein anderer. Um diese Qual, die ihm,
wenn er Maler ist, sein Auge bereitet, einigermaßen

zu paralysieren, umgibt er sich mit immer anderen
vermeintlich schönen und wohltuenden Dingen. Da
aber all diese Gegenstände nur anfangs kühlen, lin-
dern, beruhigen, um ihn dann um so hinterlistiger
heimzusuchen, so spannt er sich schließlich wie zur
Beschwörung eine reine Leinwand auf einen Rahmen.
Aber auch da nur kurze Täuschung. Um das schnell
feindlich werdende Weiß und die ihn in sich ziehende
Leere zu bewältigen, setzt er Flecken und Flächen in
immer neuen Brücken quer über von unten nach oben
über diesen Abgrund, neue Flecken, um ihn auszu-
füllen und zu überspannen und immer wieder er-
fährt er schlimmere Schrecken, Ängste, Tode, dann
wieder halbe Auferstehungen und Erweckungen, sogar
Aussichten, kurze Lichtblicke, neue Stürze, bis er er-
müdet, stumpf gemacht durch wochenlange verzweifelte
Märsche, Angriffe, Rückzüge, Abbräche, Neuauf bau-
ungen, fiebernd und gleichgültig dies Feld seiner
Tränen verläßt: das Bild ist fertig. Ist so auch
Deine Erbauung auf der grünen Wand entstanden?
Dann will ich auch vot ihr den Hut abnehmen.

Dein P.

ERNST BARLACH, HOLZSCHNITT

MIT ERLAUBNIS VON PAUL CASSIRER, BERLIN

371
loading ...