Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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schweren Ernst der Systematik zusammenstößt. Die Zellen
dahinter rechts und links füllte man mit Zaubergerät, Mas-
ken, Waffen aus Obsidian von Malayen- und Südseeinseln,
immer wieder auf dem Hintergrund der großgemusterten
Rindenstoffe.

Ernster und schwerer war der Eindruck, der von der
afrikanischen Abteilung ausging. In der Hauptsache fand
man den Westen des Erdteils vertreten. An die Stelle der
geklopften und gekleisterten Stoffe trat die Weberei. Bronze-
guß und geschmiedetes Eisen löste die steinernen und
hölzernen Geräte ab. Besonders sind hier zu erwähnen
die Beninbronzen des Geh. Rat Goldschmidt in Heidelberg,
eine Jorubamaske aus dem Heidelberger anthropologischen
Institut und eine Kameruner Antilopenmaske des Landes-
museums zu Karlsruhe. Prachtvolle schmiedeeiserne Beile
vom Kongo sandten Freiburg und die schon genannte Samm-
lung Wagenmann.

Vielleicht das bedeutendste Gepräge trug die amerika-
nische Gruppe. Allerdings fällt sie auch nur zum kleineren
Teil unter den Begriff des „Primitiven". Hierzu zählen etwa
die impressionistischen Zeichnungen der Polarjägervölker
und die Schieferschnitzereien der Stämme Alaskas, Modelle
der großen hölzernen Totempfähle. Aber die wunderbar
besonnene und selbstbewußte Porträtplastik peruanischer
Krüge aus der Frühzeit der Inkaperiode, dann die zwischen
kühl geprüftem Naturbild und ausschweifender Phantastik
seltsam die Mitte haltende Skulptur Alt-Mexikos müssen
beide schon unter die Kunst der Hochkulturen gezählt wer-
den. Die Stücke dieser Abteilung, worunter besonders zwei
große mexikanische Götterbilder hervorzuheben sind, stamm-
ten fast alle aus Mannheim selbst.

Den Schluß bildete eine kleine Vergleichssammlung
europäisch-vorgeschichtlicher Funde; die Verwandtschaft ent-
fernter Völker, nicht aus der Rasse, sondern aus gleicher
oder ähnlicher Geistesrichtung kommend, mochte hier über-
raschen.

Und das ist vielleicht die größte Frage, die uns der An-
blick dieser Dinge auf die Zunge legen muß: Wie ist es
möglich, daß räumlich und zeitlich weit von uns geschie-
dene Welten, wie hier, zu uns sprechen können? Ich meine
nicht: zu unserer Neugier; ich meine: zu unserem Herzen!

L. Moser (Karlsruhe).

POTSDAM

In aller Stille ist dem Neuen Palais im Innern seine ur-
sprüngliche geschichtliche Gestalt wiedergegeben worden.
Der Vorgang ist merkwürdig genug, um darauf hinzuweisen.

Uberall in Deutschland sind mit viel Geräusch Schloß-
museen eingerichtet worden. Wenn die Eröffnung statt-
fand, gab es aber fast immer eine Enttäuschung, weil ent-
weder ein Bastard von Schloß und Museum zustandege-
kommen war, oder weil das historische Bild des Schlosses
durch gehäufte Zutaten gefälscht erschien. Im Neuen Palais
ist von dem Ehrgeiz, ein Schloßmuseum zu machen, keine
Rede gewesen. Das Finanzministerium hat vielmehr vor
der Aufgabe gestanden, zu entscheiden, welche Gegenstände
in den Potsdamer Schlössern der ehemaligen Krone privat-
rechtlich gehören und welche als staatlicher Besitz anzu-
sprechen sind. Das Ministerium hat mit der Bestands-

aufnahme den Kunsthistoriker C. F. Foerster betraut und
dieser hat an der Hand alter Inventare, unablässig ver-
gleichend und das Verschleppte scharfsinnig aufstöbernd,
den ursprünglichen historischen Zustand, vorläufig im Neuen
Palais, hergestellt. Im Schloß Sanssouci wird noch ge-
arbeitet. Es sollte also eine Art von Erbregulierung statt-
finden. C. F. Foerster hat aber über eine genaue Inventur,
über seinen Auftrag hinaus seine Aufgabe künstlerisch ge-
faßt und das Bild des Schlosses neu geschaffen, wie es im
achtzehnten Jahrhundert gewesen ist; er hat den Räumen,
nicht nur dadurch, daß er die modernen Möbel der späteren
fürstlichen Bewohner entfernte, sondern dadurch, daß er
mit intuitiver Sicherheit die Räume so wiederherstellte, wie
sie ursprünglich gewesen sind, das Schloß zu einer Sehens-
würdigkeit auch für kunsthistorisch Gebildete gemacht. Er
hat mit soviel Gründlichkeit, mit soviel künstlerischem Ge-
fühl und historischem Takt gearbeitet und mit so sparsamen
Mitteln das Vortreffliche erreicht, daß das Ergebnis manches
Unternehmen ähnlicher Art beschämt, das umständlich und
reklamehaft inszeniert wird. Jetzt erst genießt man das
Innere des Neuen Palais ohne störende Nebengeräusche,
jetzt erst, wo die für jeden Raum bestimmten Möbel sinn-
voll und richtig aufgestellt sind, spürt man die Atmosphäre
der fridericianischen Zeit. Jetzt erst treten die Feinheiten
der reichen Rokokodekorationen sowohl, wie die Züge von
Schwere, Provinzialismus und Trockenheit darin anschaulich
zutage.

Nur in wenigen Räumen ist das Prinzip, vom Museums-
charakter ganz abzusehen und die Interieurs allein durch
ihre Echtheit wirken zu lassen, durchbrochen worden —
dort nämlich, wo die Bilder, die .im Schloß vorhanden sind
und die historisch nicht nach Sanssouci gehören, aufgehängt
werden mußten. Es sind eine Reihe entzückender Paters
und Lancrets, wundervolle Chardins und wertvolle Werke
anderer Meister dieser Zeit darunter. Es mag bei dieser
Gelegenheit ausgesprochen werden, daß der rechte Platz
für diese Bilder das Kaiser-Friedrich-Museum ist und daß
es hoffentlich gelingt, allen Ressortschwierigkeiten zum
Trotz, diesen Schätzen im Museum, wo sie so sehr fehlen,
den rechten Platz anzuweisen.

Die stille, gründliche Arbeit C. F. Foersters verdient dank-
bare Anerkennung. Es ist ein freundlicher Gedanke, daß
uns auch Schloß Sanssouci in einer so gereinigten Form
nächstens gezeigt werden soll. Und es bleibt die Hoffnung,
daß diese solide Arbeit geschichtlicher Wiederherstellung
auch durch die übrigen Potsdamer Schlösser die Runde
macht. K. Sch.

BERLIN

Zwei noch wenig bekannte Maler stellten im September
Kollektionen aus und erwarben sich Sympathie bei den
Kunstfreunden. In der Galerie A. Flechtheim erwies Arthur
Grimm aus Baden-Baden sich als ein Künstler von Ge-
schmack und Kultur. Seine Kunst stammt aus Karlsruhe
und steht Trübner nahe. Einige seiner Bilder machen es
ganz unverkennbar, daß er von diesem Meister ausgegangen
ist. Dann ist aber ein Einfluß von Rudolf Großmann hinzu-
gekommen, und damit ein Element zeichnerischer Geistig-
keit, etwas klug Zuspitzendes, das der gesättigten Zuständ-

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