Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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ZU NEUEN ARBEITEN HERMANN HALLERS

VON

EMIL WALDMANN

In der deutschen Kunstgeschichte erscheinen, wenn
ein Höhepunkt erreicht ist oder wenn eine
neue Bewegung ins Leben tritt, oft Dreigestirne.
Da waren Feuerbach, Böcklin und Marees. Da
waren Menzel, Leibi und Thoma. Da sind Lieber-
mann, Slevogt und Corinth — drei Deutschrömer,
drei Wirklichkeitsmaler, drei Impressionisten. Und
nun, wo wir endlich wieder einmal eine schöpfe-
rische Skulptur haben, die von Klassizismus und
Rodin-Stil ganz frei ist und die, vielleicht, vor
dem Forum späterer Kunstrichter mindestens so
hoch geachtet sein wird, wie die gleichzeitige
Malerei, da sind es wieder drei Künstler, die das
Neue in ihrem Werk darstellen: Kolbe, de Fiori
und Haller. Alle ein wenig miteinander verwandt,
jedoch nicht mehr als etwa die Impressionisten;
aber dabei auch wieder jeder von ausgesprochener
Eigenart und von selbständiger Anschauung.

Daß die Bildhauerei nicht im gleichen Maße
vom Interesse des Publikums verfolgt und immer

wieder von neuem überfallen wird, wie das Tun
und Treiben der modernen Maler, hat auch sein
Gutes: die Bildhauer schaffen mehr für sich und
weniger für die Ausstellungen. Und so wie das
Publikum den Besucher einer Skulptur-Ausstellung
kaum stört, so stört es auch den Bildhauer nicht.
Er hat Ruhe und kann sich in seine Arbeit ver-
tiefen.

Hermann Haller ist eine ebenso feine wie starke,
dem Leben ebenso zugewandte wie innerlich reife
Natur. Mit den Jahren, von denen er heute rund
vierzig zählt, ist er immer einfacher geworden.
Was er gelernt hat, im Wesentlichen autodidak-
tisch, vor der Natur und vor guter alter Kunst,
und was nicht nur im handwerklichen Sinne sehr
viel ist, beherrscht er jetzt souverän und gemäch-
lich, es schmeckt nicht mehr nach Schule und
Vorbild, die Etrusker und die Ägypter, die frühen
Griechen und Maillol hat er beinahe wieder ver-
gessen. Er hat jetzt seinen eigenen Stil. Aber

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