Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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;PH. OTTO RUNGE, ZEICHNUNGEN FÜR SPIELKARTENBILDER

vollendeteren, in welchen die Schraffierung aus-
drücklich für den Holzschnitt berechnet war." Die
Stöcke nach diesen Zeichnungen sind die von
Kippenberg bei G. Reimer in Berlin aufgefundenen.

Der Strich unserer Zeichnungen, die mit einer
geradezu staunenswerten Präzision und Fehler-
losigkeit gemacht sind, ist oft in der Tat so täu-
schend dem Holzschnitt angepaßt, daß im ersten
Moment Zweifel vor den Originalen herrschen
konnte, ob wir Drucke oder Zeichnungen vor uns
hätten. Läßt ein ganz genaues Studium jedoch
bereits in vielen Einzelheiten die Eigenart der Hand-
schrift fühlen, so zeigt es der Vergleich der Blätter
mit den Schnitten in aller Deutlichkeit. Gubitz
hat an einigen Stellen die lebensvollen, die Form
modellierenden horizontalen Schattenlagen in Ver-
tikale umgeändert und dadurch eine gewisse Starre
und Leblosigkeit in die Schnitte gebracht. Man
vergleiche zum Beispiel die Brustpartie der Karo-
dame und ihren rechten Unterarm, den linken
Arm des Pikbuben und den Einsatz seiner Uni-
form mit den entsprechenden Partien der Drucke.

Die Bedingungen der anderen Technik hatten
eine leichte Veränderung der Physiognomien und
des Ausdrucks zur Folge: zum Beispiel bei der
Karodame, der Pikdame, nicht minder bei der
Treffdame. Gubitz hat Glanzlichter in die Pu-
pillen gemacht, die auffällig beim Coeurbuben, noch
stärker beim Treff- und Pikbuben den Gesichts-
ausdruck entstellen. Ganz deutlich ist das beim
Treffbuben. Die Modellierung der beschatteten
Augenpartien folgt in der Zeichnung überall dem
Verlauf der Form, sodaß der „verhüllte" Ausdruck
der Augen dem Blatt einen besonderen Reiz gibt.
Bei den Schnitten gehen die Vertikalen ziemlich
gleichförmig über die Form hin, und der Blick
der Augen ist stechend und kalt. Die Entwürfe
zu den Damen, bis auf die Karodame, tragen die
wieder ausradierten Bezeichnungen von Runges

Hand, die im Druck erschienen sind. Coeur: Judith,
Treff: Argine, Pik: Pallas. Das Trumpfzeichen
der Treffdame war ursprünglich Karo, das von
Runge geändert worden ist.

Außer diesen acht Zeichnungen und den Köni-
gen in Probedrucken besitzt die Kunsthalle eine
Serie des Kartenspiels von zwölf Blatt auf Karten-
papier. Solche Spiele sind angeblich eine Zeit-
lang in Hamburg in Gebrauch gewesen und heute
im Handel gelegentlich noch anzutreffen. Unsere
Serie ist sehr roh mit Schablonen illuminiert; die
Farbe zerstört zwar den Reiz der Rungeschen
Linienromantik, die Karten gewinnen aber durch
die Kolorierung eine gewisse naive Frische.

Die von Kippenberg wieder aufgefundenen
Holzschnitte haben nur zu einem Teil die Trumpf-
zeichen und sind noch unzerschnitten. Kippen-
berg meint, daß die Stöcke nicht für den Spiel-
kartendruck verwendet worden sein können. Das
möchte ich doch glauben, denn der Vergleich so-
wohl unserer vier Probeabdrucke der Könige wie
auch des ganzen Spiels auf Kartenpapier mit den
von Kippenberg veröffentlichten Blättern zeigt die
völlige Übereinstimmung jeder Einzelheit unter-
einander. Für eine Benutzung der Stöcke spricht
auch, daß die Abdrucke des Neudrucks im Ver-
hältnis zu unseren Exemplaren zum Teil recht
schwach sind und verschiedene ausgesprungene
Linien aufweisen. Die fehlenden Trumpfzeichen
sind auch kein Beweis gegen die Verwendung der
Stöcke. Die roten Coeur- und Karozeichen sind
auf die fertigen Karten aufschabloniert, während
die anderen Zeichen vermutlich in einem zweiten
Druck den Bildern hinzugefügt worden sind.

Zum Schluß möchten wir mitteilen, was Cle-
mens Brentano am 18. März 1810 dem Künstler
über das Kartenspiel schrieb; man kann nicht
besser den Stil und den Ausdruck der Blätter um-
schreiben :

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