Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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NEUE BUCHER

Will\- Burger: Roger van der Weyden. Verlag
Karl Hiersemann, Leipzig 1923.

Bücher wie dieses wären früher unter dem viel beschei-
denerem und zutreffenderem Titel erschienen: 65 Abbildungen
nach Werken des Roger van der Weyden, zusammengestellt
und eingeleitet von X. Y. Denn es handelt sich bei dieser
Neuerscheinung keineswegs um ein neues Roger-Buch, wie
man es nach dem Titel vermuten würde, sondern einfach
bloß um eine Zusammenstellung des Rogerschen Bilder-
materials. Der Text hat keinen selbständigen wissenschaft-
lichen Wert, denn er gibt nichts als eine Verarbeitung der
Resultate Friedländers und Winklers. Wie jede Zusammen-
fassung fremder Arbeiten täuscht sie eine größere Sicherheit
vor, als es der heutige Stand der Wissenschaft erlaubt; so
steht zum Beispiel die Chronologie der Werke noch bei
weitem nicht mit solch apodiktischer Sicherheit fest, wie
man es nach dem Buche Burgers glauben könnte. Die
Liste der Werke deckt sich vollständig mit den bei Friedländer
und Winkler angeführten; neu ist blos eine kleine Maria
der ehemaligen Sammlung Stroganoff, die aber leider nicht
von Roger ist, sondern offenkundig den Stil des Bouts zeigt.
Neue kunsthistorische Gesichtspunkte oder Ergebnisse er-
wartet man vergebens; so hätte man zum Beispiel über die
so wichtigen und komplizierten Beziehungen zwischen Roger
und der italienischen Kunst gern etwas Differenzierteres
gehört als die reichlich antiquierte Versicherung „daß schon
im fünfzehnten Jahrhundert die Berührung mit italienischer
Kunst unheilvoll und verheerend für die nordische Malerei
gewirkt habe, indem sie diese um ihr Bestes, ihr reich
nuanciertes Gefühlsleben gebracht hat." Der Umstand, daß
die auch noch heute in Florenz befindliche Beweinung
Rogers einerseits auf dem denselben Gegenstand darstellen-
den Bilde Fra Angelicos fußt, andererseits wieder auf das
berühmte von Michelangelo entworfene Londoner Bild ein-
wirkt, hätte doch Burger stutzig machen und daran denken

lassen müssen, daß es innerhalb der italienischen Quattro-
centomalerei immer auch eine spiritualistische Strömung
gegeben hat, welche dann vom sogenannten Manierismus
des sechzehnten Jahrhunderts — einem der abstraktesten
und idealistischesten Stile, die es je in Europa gegeben
hat — fortgesetzt wurde, und daß beide Courants viel innere
Ähnlichkeit mit der Spätgotik Rogers aufweisen. Auch an
Rogers auf Wesensverwandtschaft beruhender Vorliebe für
Gentile da Fabriano, dessen spätgotisch-naturalistischer Zeit-
stil eine der Quellen der erwähnten spiritualistischen
Strömung des Quattrocento bildet, geht Burger achsel-
zuckend und verständnislos vorbei. Nun könnte man viel-
leicht meinen, daß Burger, wenn er schon auf die Beziehungen
zur angeblich seelenlosen italienischen Kunst schlecht zu
sprechen ist, so uns doch wenigstens tiefere Einblicke in
den Gefühlsinhalt der Bilder Rogers durch genaue Analysen
der Werke geben würde. Nach solch konkreten Analysen
suchen wir aber umsonst, und die ganz allgemeine Behaup-
tung, daß bei Roger im Gegensatz zum Realisten van Evck
das Gefühlsmäßige betont wird, steht doch schon längst
im primitivsten Handbuch. —

Die Lichtdrucke sind ziemlich unklar, die farbigen sogar
recht mißlungen, trotzdem soll man dafür dankbar sein, daß
man nun zum erstenmal das ganze Werk Rogers in Ab-
bildungen beisammen hat und leicht überschauen kann.

Friedrich Antal.

Otto Zoff,Tizian. O.C.Recht-Verlag. München 1922.
Ernst W ald mann, Tizian. Propyläen-Verlag, Berlin
1922.

Unter den verschiedenen Arten, eine Künstlerpersönlich-
keit schriftstellerisch darzustellen, stehen die historisch-re-
ferierende und die lyrisch ekstatisch-hymnisierende einander
am schroffsten gegenüber. Der Tizian, den Zoff in wilden
Kantaten einzukreisen sucht, hat mit jenem etwas nüchternem

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