Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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datierte Bild, jetzt im Besitze von Mrs. Havemeyer
in New York, würde aber jedenfalls das Modell ein
wenig älter wiedergeben. Die Dargestellte scheint
auf keinen Fall den mittleren oder gar unteren
Ständen anzugehören. Der Hermelinmantel soll
wohl auf den hohen Rang der Porträtierten hin-
weisen. Immerhin scheint es mir auch in diesem
Fall fraglich, ob man in dieser Dame das Modell
für die beiden Majas erblicken darf.

Die gleiche Sammlung Havemeyer birgt, abge-
sehen von anderen Meisterwerken Goyas, zwei
recht wenig bekannte Bildnisse von Goya aus den
ersten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Sie
stellen den Leiter der Madrider Porzellanmanufaktur
Bartholome de Sureda dar, der in seiner Rechten
einen rot gefütterten Zylinder hält, und die Gattin
Suredas, eine geborene Chaperon de St. Amand, in
blauem Kleid auf gelb bezogenem Empirefauteuil
sitzend. Wie läßt Goya diese geborene Französin
als rassige Spanierin erscheinen, wie weiß er mit

den einfachsten Mitteln die stolze Haltung dieser
Frau zu steigern, der selbst das Empiremöbel noch
zu bequem, zu wenig feierlich ist!

Mit Recht wird bei diesen Bildnissen jeder fest-
stellen, wie ungeheuer malerisch Goyas Stil nament-
lich neben dem des zeitgenössischen Franzosen
wirkt, und doch gibt es einen französischen Maler,
der zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts Bildnisse
geschaffen hat, welche eine merkwürdige innere
Verwandtschaft mit denen aus Goyas gleichzeitiger
Übergangsperiode besitzen: P. P.Prud'hon. Sein Bild-
nis des M.Viardot erinnert nicht nur an den Sebastian
Martinez von Goya im Metropolitan Museum in New
York, sondern noch mehr an Goyas „Guillemardet"
im Louvre, und ebenso verspürt man in dem gerade
in seiner Schlichtheit packenden, durchaus malerisch
aufgefaßten „bürgerlichen" Bildnis des Etienne
Franois vonPrud'honaus dem Jahre 1795 den Gleich-
klang der Gesinnung mit dem Autor der Bildnisse
des Menendez Valdes, und des Zapater von 1797.

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