Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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JULIUS PASCIN, SITZENDE FRAU

AUSGESTELLT IN DER GALERIE A. FLECHTHEIM, BERLIN

Klassischen leise an: die Schönheit ist in dieser Kunst Leben,
und die Wahrheit wird zur Schönheit.

Auch in der Galerie Matthiesen waren einige Bilder
moderner Klassiker ausgestellt: eine Frauenfigur von Corot,
tonig aus Hell und Dunkel aufgebaut mit ein wenig Grün
in den Ärmeln, meisterhaft als Malerei, eine mit romanti-
scher Handwerkslust gemalte Aktstudie von Courbet, eine
Anzahl kleiner Renoirs, darunter ein schönes Blumenstück,
eine importante Küstenlandschaft von Monet, eine der feinen
lyrischen Landschaften von Sisley und ein großes Bild von
Blechen, eine Wiederholung des in der Nationalgalerie be-
findlichen Parks des Grafen Graziani in Terni mit badenden
Mädchen. Blechens Bild gehört, trotz einer gewissen Dunkel-
heit in der Laubpartie, zu den schönsten Arbeiten größeren
Formats des Berliner Meisters.

Bei Hugo Perls wurde eine in solcher Vollständigkeit
in Berlin noch nicht gesehene Sammlung von Kupferstichen
und Aquarellen Rowlandsons gezeigt. In den Blättern des

Engländers vereinigt sich etwas mächtig
Naturalistisches und etwas Manieriertes,
es begegnet sich das Rokoko mit einem
Daumier-Temperament. Nichts von jener
Prüderie und Geschlechtslosigkeit ist in
diesen Blättern, die die englische Kunst
sonst so fatal macht. Das „merry old
England" ist dargestellt; das Barock stößt
gewaltsam ins Moderne vor. Der letzte
künstlerische Ernst freilich fehlt. Hier
und da muten die ziemlich roh kolo-
rierten Radierungen an wie Neu-Ruppi-
ner Bilderbogen in allerhöchster Potenz.
Womit nicht nur Rowlandson einge-
schränkt werden soll. Vielmehr ist es
zu wenig bekannt, daß sich unter den
Bilderbogen aus Neu-Ruppin sehr merk-
würdige Blätter finden.

Die Gemäldegalerie Carl Nicolai
stellte neue Arbeiten des Schweizers
Wilhelm Schrnid aus. Langsam aber
sicher arbeitet dieser Maler sich herauf,
immer mehr entschlüpft er dem expres-
sionistischen Programm, empfängt er
vom Eindruck das Gesetz der Darstellung.
Landschaften wie der Blick aus dem
Fenster, wie der Birnbaum, Zeichnungen
wie die nur eben fertig angelegten Blu-
menstudien verdienen die aufmerksamste
Beachtung. Schmid ist, und das ist sym-
pathisch, kein Maler für die Ausstellung
oder für den Salon, sondern für die
Wohnstube, er ist von Natur intim,
man kann mit seinen Bildern leben.
Unter den ausgestellten älteren Bildern
ragten zwei Früharbeiten von Albert
Lang, dem bekannten Jugendfreund
Trübners, dem Angehörigen des Leibi- .
kreises hervor. Beide Bilder sind in
ihrer Art wertvolle Seltenheiten. Sie
haben die Güte bester Thomas und lassen
es verwunderlich erscheinen, daß ein Talent von dieser
Kultur später so unbedeutend hat werden können.

Eine große Kollektivausstellung hatte Ulrich Hübner bei
Paul Cassirer veranstaltet. Alle seine guten Eigenschaften
kamen zur Geltung. Allerdings auch seine Grenzen.
Hübners Landschaftskunst ist barock bewegt, sie geht auf
Wirkung und ist ihrer Wirkung sicher. Zuweilen ist diese
Malerei etwas bengalisch; doch geht sie in ihrer blau-grünen
Farbenpracht nie zu weit; sie wird am Ende doch immer
geführt und erzogen von einem ernsten Naturstudium. Das
gilt von den Bildern, den Aquarellen und Radierungen. Pots-
dam erscheint in der Darstellung Hübners manchmal etwas
südlich; es ist dann aber doch das sommerliche Potsdam im
Zauber seiner stillen Straßen, Kanäle, Grachten und Stadt-
bilder. Die Bildhauerin Christa Windsloe-Hatvany, die zu-
gleich ausstellte, zeigte in Tierplastiken und Zeichnungen ein
ernstes Bestreben.

Im Euphorion-Verlag waren Bilder, Zeichnungen und

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