Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

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Der Neubau des Bayerischen Nationalmuseums in München.

das erste führt zum Kunstwerk; das tut die Be-
tonung der Äußerlichkeiten niemals."

Wir waren durch die „Jahrhundert-Wende"
an jenem Abend auf tausenderlei Fragen gekommen
und blieben lange, lange in vertrauten Gesprächen
beisammen.

Alles war einheitlich an diesem schönen, sym-
pathischen Menschen. Auch die Stimme hatte ein
Timbre, was gefangen nehmend wirkte. Und er
wollte gar nicht gefangen nehmen. Dafür war er
eine viel zu schlichte Natur, deren innerer Ausbau
selbst ein Aunstwerk war, eilt Aunstwerk von reinstem
Ausdrucke, durchzogen von verinnerlichtem Bedürf-
nisse nach schöner Wahrhaftigkeit, nach wahrhaftiger
Schönheit: Ein Aind der Sonne int Denken, im

künstlerischen Wirken, als Mensch — zu früh nicht
nur den Seinigen entrissen, sondern allen, die iit
geistig und körperlich schönein Meitschentum den
göttlichen Funken verehreit.

Berlepsch-Valendas.

(Der (Neukau des (Kaxeriscßen
(Natronakmuseumb Ln München?)

im Herbste des Jahres fstOO die Samm-
ungei: des Bayerischen Nationalmuseums
ach ungefähr zweijähriger Pause sich
nt neuen Hause neu gestaltet wieder
rschlossen hatten, mußte es unsere Zeit-
schrift als eine besondere Ehrenpsticht erachten, der
monumentalen Schöpfung in Bild und Wort zu ge-
denken. Wie fern es auch dem Vereine liegen mag,
Personenkultus zu treiben, so konnte er doch mit be-
rechtigtem Stolze auf das Werk zweier Meister int
edelsten Sinne des Wortes blicken, deren Namen mit
dem bayerischen Aunstgewerbe utid im gaitz beson-
dereit mit dem Bayerischen Aunstgewerbeverein innigst
verknüpft sind: Gabriel v. Seidl und Rudolf v. Seitz.
Wenn heute unsere Zeitschrift noch einmal auf diese
erhabene gemeinsame Schöpfung des unzertrennlichen
Aünstlerpaares zurückkommt, so ntag das schon seine
Berechtigung darin haben, daß sich dieses monu-
mentale Werk einerseits unter den verschiedensten
Gesichtspunkten betrachten läßt und anderseits sich
int Hinblick auf Bilderreichtunt und Bilderreize
als ein schier unerschöpflicher Born erweist. Mit

') Herausgegeben mit Genehmigung des Agl. ötaats-
ministeriums des Innern für Airchen- und Schulangelegenheilen.
München. Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. \yo2. Mit

Vorrede von Prof. Gabr. v. Seidl; Text von Reichsarchiv-
sekretär vr. Ivo Striedinger.

seltener Einhelligkeit hat seinerzeit die Tagespresse
nicht minder wie die illustrierten Zeitungen und
Fachblätter der Zweckntäßigkeit, der glücklichen Ver-
brüderung von Wissenschaft und Aunst, wie sie sich
namentlich in der Art der Ausstellung der Samm-
lungsgegenstände ausspricht, der Zntimität der ein-
zelnen Räume und einzelnen Gruppen unverhohlenes
Lob gespendet. Böswilliger Nörgler gab es nur
wenige, und ihre Absicht erkaitnte ntan bald sehr klar.
Jene aber, die, von gutent Willen beseelt, ihre
Stimmen über ntanches ihnen Unverständliche er-
hoben, verstumntten, als auf ihr Warum ein aus-
klärendes Darum erfolgte oder sich int Verlaufe der
fortschreitenden Arbeit oder ttach der Vollendung
die von den Künstlern geplante Wirkung selbst sich
an ihnen als erleuchtende Fackel erwies. Was wurde
— um nur eines zu erwähnen — nicht alles über
die irreguläre Anlage der Straßenschauseite und die
Gartenmauer gesprochen und geschrieben, was gab
das täglich für ein Aopfschütteln während der Arbeit,
doch blieb auch das Reagens des Nickens nachher in
den seltensten Fällen aus. Man hat gottlob längst
I vergessen, was alles gesagt und geschrieben wurde,
denn alles wurde verschlungen und übertönt durch
die ntächtige Sprache, die aus dem Werke selber
spricht. Aus jedem Raume tönt sie uns anders ent-
gegen, bald wie ein schlichtes Volkslied, bald wie
ein rauschendes Hoffest oder wie ein voller Airchen-
choral und wieder wie ein Geflüster von steinernen
Liebesgöttern und tändelnden paaren, aber allen
uitd jedem verständlich, denn ihr Grundidiont ist das
heimatliche. Man lauscht und staunt und vergißt
ganz, wie all das ward, oder begnügt sich zu wissen,
daß zwei gute Fremide, Seitz und Seidl, diese Tat
vollbracht haben. Gewiß hat Lessings Wort Be-
rechtigung: Alan lobt den Künstler dann erst recht,
wenn man über sein Werk sein Lob vergißt. Doch
fragt man sich, ist es deitn recht, die Spender des
Schönen zu vergessen? Muß sich dem dankbar Ge-
nießenden nicht die Frage aufdrängen, wie alles ward,
wie Geist zu Geist, wie Kunst zu Kunst, wie alt zu neu,
wie jung zu alt sich fügte, um wie aus einent Gusse
ein Werk zu bilden, das in Wahrheit ein Stolz seiner
Nation ist! Diese Genesis festzuhalten und künftigen
Geschlechtern zu überliefern, den Schöpfern und der
Mitwelt zur Ehre, der Nachwelt zum leuchtenden
Vorbild, war die Aufgabe der Denkschrift über den
Neubau des Bayerischen Nationalmuseums, die
würdig dent Werke als ein monumentaler Pracht-
band soeben erschienen ist und uns willkommene
Veranlassung gibt, der vielbewunderten, von wenigen
erdachten, von zahllosen Händen geförderten Schöpfung
nochmals Bild und Worte zu widmen in einem
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