Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

Page: 145
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1902_1903/0163
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
252. Aus der Areuzkirche zu Dresden von 5chilling und Grabner; Modelle von Ernst Lotten rot, Dresden.

(Die moderne dekorative lKemegung
in (Dresden.

(Vsn Dr. Grnst ^imm ermann.

(Schluß.)

s ist wichtig und lehrreich genug,
sich über die Entwicklung einer
Bewegung klar zu werden, die
sich an einer Stelle als eine ge-
sunde zu erweisen scheint. Sie
zeigt die Gründe deutlich, warum
an anderen Stellen diese Bewegung nicht ebenso
glücklich vonstatten geht, und gibt zugleich die Mittel
an die pand, sie auch dort in ein gesundes Fahr-
wasser zu lenken. Doch ebenso lehrreich ist es, die
endlichen Resultate zu prüfen; denit wichtiger als
die Methode ist das Ziel, zu welchem sie geführt
hat. Die Resultate der Dresdner Bewegung sind nun
etwa folgende: Grundlage aller dekorativen Aunst
ist die Architektur; sie ist auch zu allen Zeiten die
Führerin aller bildenden Aünste gewesen. In unserer
Zeit allein hat sie sich als allerletzte der Aünste zuin
Neuen bekehrt; aber sie hat es jetzt überall getan,
wo es eine neue Aunst gibt, und wird auch viel-
leicht eines Tages die Führerschaft wieder ganz an

sich reißen. Dresden macht hierin keine Ausnahme;
im Gegenteil, die moderne Baukunst ist hier viel-
leicht weiter schon vorgedrungen, als irgendwo sonst,
Dresden besitzt bereits ein modernes Aircheninnere und
ein modernes staatliches Gebäude. Die moderne
Baukunst ist dainit hier für Airche und Staat offi-
ziell anerkannt worden.

Als die alte, im Barockstil errichtete Areuzkirche
Dresdens in: Jahre (897 völlig ausgebrannt war,
wurde es den Dresdner Architekten Schi Iking und
Gräbner gestattet, sie in ganz modernem Sinne
im Inneren wieder auszubauen. Sie haben dies
mit aller Dezenz, aber doch mit voller Aonsequenz
getan. Sie haben noch keine eigentlich neue Aon-
struktionskunst versucht, dafür aber in der Orna-
mentik einen neuen, frei stilisierten Naturalismus,
einen „Rankenstil", walten lassen, wie er damals
selbst für die Profanarchitektur in Dresden noch
etwas völlig Neues war. Und modern ist dann
auch die ganze Ausstattung, das Inventar des
Gotteshauses bis zur kleinsten Aleinigkeit, geworden.
Die Fenster zeigen zum ersten Male die Anwendung
des Vpaleszenzglases in der Airche, freilich ohne
dadurch bei der großen pöhe noch eine besondere
Wirkung zu erzielen; das Altarbild, als Bild die
einzige Aonzession an den Pastorengeschmack, um-

— ^5 — 2\

Aunst und Handwerk. La. Iahrg. Heft 6.
loading ...