Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

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Architektur und Kleidung.

maßgebend, welche den Schwerpunkt nrehr auf das
Malerisch-Dekorative legen ließen. Die Tätigkeit
Halmhubers als Baukünstler aber wird hierdurch
kaum berührt. Sie zu würdigen, würde einer anderen
Stelle Vorbehalten bleiben müssen. A. H—nn.

508. Kopfleiste aus der Lhronik der Stadt Stuttgart, von
Gg. kjalmhuber, Stuttgart. (Abb. 508—5^ verkleinert.)

Architektur und (Meldung.

(Von Dr. Hans Achnudkun; (lKerkin s Hakensee).

^ s ist seit dern modernen Aufschwung der
Aünste und besonders der sogenannten
angewandten Aünste viel gesprochen
worden von der Bedeutung des Struk-
tiven in jeglichem Aunstgewerbe. War
diese Bedeutung in der Architektur schon längst eine
ziemlich feststehende Sache, so gab es doch noch viel
zu tun, um sie inmitten alltäglicher prunkbauten mit
ihren ornamentalen Überklebungen dem Geschmack
weiterer und selbst engerer Areise vertraut zu machen.
Im Aunstgewerbe stand sie lange nicht so fest; allein
selbst da mußte man bei einiger Überlegung und
Erfahrung einsehen, daß sie in einem guten Aunst-
gewerbe schon seit jeher gegolten hat. Je weiter
man im künstlerischen Gefühl und theoretischen Ver-
ständnis jener Bedeutung des Struktiven für Archi-
tektur und Aunstgewerbe kam, desto mehr verschmähte
man in beidem das willkürliche Überwuchern eines
nicht aus der Struktur gewonnenen Grnamenten-
werkes; desto mehr ließ man den Schmuck aus der
Aonstruktion des Ganzen und diese aus Zweck und
Sinn des Werkes hervorgehen; desto mehr sollte alles
Einzelne im Dienste des Ausdruckes von dem stehen,
was das ganze Werk zu bedeuten hatte. Jegliche
Form wurde, was sie schließlich von vornherein in
wahrer Aunst zu sein hatte, eine Aussprache der
Grundbedingungen des Werkes überhaupt — erstens;

und zweitens eine Aussprache der Persönlichkeit, die
der Aünstler in das einzelne Werk hineinzulegen
hatte. Es kam gleichsam darauf an, sich des
Anochengerüstes bewußt zu werden, das einem archi-
tektonischen oder kunstgewerblichen Werk zu Grunde
liegt, und diesem Anochengerüste die nähere Ausge-
staltung, Umkleidung, Schmückung anzupassen; aber
auch, diese Anpassung zugleich aus der Individua-
lität des Schaffenden heraus, als feine künstlerische
Sprechweise, zu gestalten. In dem Maß, als dies
geschah, trat die komisch ängstliche Sorge, ob man
für ein Werk den gotischen oder den Barockstil oder
sonst einen Stil wählen solle, von selber zurück;
und in diesem Maß konnte man sich auch eher be-
freien von dem, was in jeglicher Aunst gleichwie in
jeglichem Menschenverkehr und Menschengespräch zu
herrschen strebt: die konventionelle Form und Formel,
d. h. nicht nur das originalitätslose Beharren bei
überlieferter Weise, sondern auch das Benutzen von
Gestaltungen, die vordem einen ursprünglichen und
gerechtfertigten Sinn hatten, für solche Situationen,
in denen sie einen solchen nicht mehr haben.

Das ist alles, genau genommen, schon seit langem
und oft gesagt worden, „nur mit ein bißchen anderen
Worten". Am wenigsten ist es, wie uns scheint,
bisher für das Gebiet der Aleidung gesagt worden;
ja noch mehr: es fehlt noch ein genügendes Be-
wußtsein davon, wie sehr diese zur Aunst gehört,
und wie .sehr sie gleich aller Aunst ihren höchsten
Sinn in dem Ausdruck findet, den sie irgend einem
Inhalt oder Inneren gibt, in der Formensprache,
mit der sie ihn darlegt, in dem Formengefühl, für
dessen Besitz bei ihrem Träger sie zeugt, in der Weise,
wie dieser sein leibliches und geistiges Dasein in ihre
Gestalt gleichsam übersetzt. Ain deutlichsten tritt dies
in dem Aostüm des Schauspielers und der Schau-
spielerin hervor, das sich zu dem des gewöhnlichen
Menschen ebenso verhält wie die sonstige Aunst des
Mimen zu dem, was es an Schönheit und Aunst im
gewöhnlichen Leben gibt. Der Schauspieler will die

509. Kopfleiste aus der Lhronik der Stadt Stuttgart,
von «8g. kfalmhuber, Stuttgart.

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