Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

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facsimile
5^3. „Kopf" des „Daheim"; Zeichnung von Ludwig Richter, in kjolz geschnitten von 6. Bürkner.
(Wenig verkleinert.) Verlag von velhagen & Klasing, Leipzig.

Ludwig Mchier.

?u des Künstkero hundertstem <8eKurtstag l

28. September (803 — 28. September ;qo3.

>A,

„Kam meine Kunst auch nicht unter die Lilien
und Rosen auf dem Gipfel des Parnaß, so blühte
sie doch auf demselben Pfade, an den wegen und
Gängen, an den Hecken und wiesen, und die Wan-
derer freuten sich darüber, wenn sie an: Wege aus-
ruhten, die Kindlein machten sich Sträuße und Kränze
davon, und der einsame Naturfreund erquickte sich
an ihrer lichten Farbe und ihrem Duft, welcher wie
ein Gebet zum Himmel stieg. So hat es denn Gott
gefügt, und mir ist auf vorher nicht gekannten und
nicht gesuchten wegen niehr geworden, als meine
kühnsten wünsche sich geträumt haben: Soli deo
gloria." Ludwig Richter.

. unsere gelehrte Ästhetik der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts
wies die naive Aunst dem un-
gebildeten Volke zu, und dünkte
^ sich selbst hoch erhaben über das
„Genre"; dergleichen Bilder, wie sie
Richter schus, wurden nicht für „Aunst"
erkannt. Für „Aunst" — der Ton, mit
dem dies Wort ausgesprochen ward,
stelzte immer auf dem Aothurn daher —
beachtet wurde nur das, was sich erhaben gab, und
bewundert alles, was sich griechisch gebärdete. Das
leerste Schablonenerzeugnis wurde höher gewertet als
das Eigenheithochgrädigste, das der Seele entwuchs,
wenn es ursprünglich, schlicht und deutsch war. Deutsch
zu sein, war dem Aünstler damals nicht erlaubt;
dies galt für gewöhnlich, unkünstlerisch. In August

Hägens Buche „Die deutsche Aunst in unserem Jahr-
hundert" ((859) wird Richter daher, wie Gurlitt be-
richtet, auch noch nicht genannt, obgleich damals schon
seit zwanzig Jahren seine Bücher in ununterbrochener
Folge in die Däuser des ganzen Volkes drangen, in
die Kerzen der Ainder und durch diese in jene der
Eltern; und selbst weitere dreißig Jahre später findet
h. Becker für ihn noch keinen Platz außer als Zeichner
für den Holzschnitts in seiner Schilderung: Deutsche
Maler. Noch immer nicht war Richter in den Areis
hoher Aünstler ausgenommen; den viel verlästerten
Modernen war es Vorbehalten, ihm den gebührenden
Platz in der Hierarchie der Aunst anzuweisen, und
heute sind sie es, die dieses Aünstlers hundertsten
Geburtstag aufs festlichste feiern.

Adrian Ludwig Richter wurde geboren am
28. Septeinber (803 zu Dresden als Sohn des
Zeichners und Aupferstechers Aarl August Richter,
der Professor an der Dresdener Aunstakademie war.
Einer alten Familientradition zur Folge soll die
Fainilie Richter von Luther abstammen. Doku-
mentarisch läßt sich diese Annahme jedoch nicht be-
weisen, weil die Airchenbücher in Ariegszeiten ver-
nichtet wurden, sondern das Herkommen der Familie
nur bis zum Großvater des Aünstlers znrückoerfolgen,
der gleichfalls Aupferstecher war.

Die Ainderjahre verlebte Richter in einer höchst
seltsamen Gesellschaft von Alchimisten, Gehcim-
wissenschaftlern und alten talmudweisen Juden, die

') Auch die obige Initiale „U" (Abb 5^) ist „ach Richter.

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Kunst und Handwerk 53. Iabrq. Heft \2.

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