Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

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qso. Kopfleifte von £f. Bek'Gran, München.

(Deutsche (Kuchembande der Meu^
zeit. (Von Otto (Vrautoff.

e Renaissance des Buchgewerbes,
die vor zirka zehn Jahren so frisch
und mutig einsetzte, ist dein Buch-
einband zuletzt zu gute gekom-
men , obwohl auch gerade im
Bucheinband während der letzten
Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts außerordent-
liche Mängel im Geschmack und in der Solidität her-
vortraten. Zn diesem bürgerlichen Zeitalter galten
nur die großen Zdeen; die gute Form und der vor-
nehme Geschmack erfreuten sich, wie in jeder jungen
und aufstrebenden Aultur, keinerlei Wertschätzung.
Erst als Deutschland nach den zahlreichen Ariegen
und Unruhen politisch und wirtschaftlich erstarkt war
und Macht und Wohlstand sich wieder gesammelt
halten, erwachten die ästhetischen Bedürfnisse inr Volke
wieder und nahmen greifbare Gestalt an. Der histo-
rische Geist des neunzehnten Jahrhunderts hatte den
breitesten Areisen in der Repetition alter Stilarten die
erste künstlerische Befriedigung besorgt; er hatte im
Aunstgewerbe den Sinn für die mannigfaltigen Tech-
niken unserer Altvordern wieder erweckt und , ihre
pflege betont. So hat der historische Geist eine tief-
liegende Berechtigung darin bewiesen, daß er gewisser-
maßen in der Ausbildung des handwerklichen einer
späteren — der heutigen — Aunstepoche, deren höchstes
Ziel die Betonung und das herausarbeiten des per-
sönlichen ist, ein Fundament schuf. Anderseits aber
hat der historische Geist, als er auch die breite Masse
erfaßte und mit sich fortriß, zur Verwirrung der
Mittelmäßigkeiten außerordentlich viel beigetragen.
Wir alle haben ja die Zeiten mit erlebt, wo der
historische Geist im Aunstgewerbe in einer nicht immer

schönen Weise triumphierte, wo die kunstgewerblichen
Erzeugnisse unter Überladungen der divergierendsten,
historischen Stilelemente litten. Es waren das Ar-
beiten von Aunstgewerbetreibenden und Fabriken, die
Ehrfurcht vor den Schöpfungen der alten Meister
nicht kannten und alle historisch-retrospektiven Be-
strebungen gänzlich mißverstanden, die nach ihrem
Gutdünken Denkmäler alter Aunst ausbeuteten und
ausschlachteten, wie es ihnen beliebte.

München nimmt in dieser für das übrige Deutsch-
land schmählichen Epoche unstreitig eine vornehme
Stelle ein; hier hat man den historischen Geist am
seltensten mißverstanden; hier lebte im ganzen Aunst-
gewerbe ein kluges Stilempfinden, ein feines Ver-
ständnis für die künstlerischen Absichten und Taten
unserer Altvordern; und das danken wir nicht zun:
geringsten Teile dem kunstsinnigen Hause Wittelsbach,
das schon unter Ludwig I. München — allerdings
unter dem Geiste der Retrospektivität — zur Aunst-
metropole Deutschlands machte. So standen auch
die retrospektiven Leistungen in: Buchgewerbe in den
siebziger und achtziger Zähren in München unter
dem Zeichen eines kultivierten Geschmacks auf einer
anerkennenswerten höhe, die von keiner anderen
Stadt erreicht wurde, hier hat sich um Ausgrabungen
und Neuausgaben hauptsächlich Or. Georg hirth
außerordentliche Verdienste erworben; nächst ihm
wäre noch die Aunstanstalt von Vr. M. huttler zu
nennen. Es ist hinlänglich bekannt, daß auch der
neue Zllustrationsstil von München aus seinen Sieges-
feldzug durch ganz Deutschland antrat; und München
ist auch heute noch auf diesem Gebiet trotz aller
enormen Aonkurrenzbestrebungen Berlins weder er-
reicht, geschweige denn übertrosfen. Anders ist es
im Buchgewerbe im engeren Sinne; in der Buchkunst
steht die alte Buchhandel-Zentrale Leipzig heute un-
bedingt an der Spitze. Dasselbe gilt vom Buch-

Kunst und Handwerk. 53. Zahrg. Heft JO.

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