Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 60.1909-1910

Page: 69
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(26. Keramische Fachschule zu Landshut: Bunt bemalte Tonschüsseln.

Grund rot, Zeichnung weiß, blau und grün. Grund hellgelb, Zeichnung blau und grün. -

(Vs d. wirkl. Größe.)

Grund weiß, Zeichnung grün, Rand braun.

(Die (IDeißnacßLsr) Auestckkung
von Erzeugnissen staatkicher und
staatkich unterstützter Aach sch uken
(Kaxerne.

^ern Historiker verzeiht man wohl,
wenn er etwas weiter ausholt
uitd zwar nicht ab ovo Ledae,
so doch mit einem kurzen Über-
blick über das Gesamtgebiet be-
ginnt, von dem die verhältnis-
mäßig noch so jungen gewerblichen Fachschulen des
bayerischen Staates bereits eins sehr respektable
Teilerscheinung darstellen.

Welches Bild bietet denn eigentlich die heutige
Lage der kunstgewerblichen Bewegung? Ich denke,
wir können vor allem drei Richtungen ziemlich deut-
lich unterscheiden. Die eine, für Gewisse allerdings
die einzige, möchte ich die mondäne nennen; van
de Velde, pankok, Behrens, Glbrich sind ihre Führer,
sie erscheint, wie die mondäne bildende Aunst über-
haupt, seit Alanet den Schlapphut mit dem Zylinder
vertauschte, im elegant geschweiften Gehrock mit
Bauschkrawatte; ihre Formen aber konstruiert sie sich
selber, und ehe sie beim Volk oder gar bei der ge-
haßten Historie eine Anleihe macht, paktiert sie lieber
noch zur Not einmal mit dem Grient; sie hat sich
das horazische odi profanum vulgus et arceo zum
Wahlspruch erkoren und gestaltet darnach nicht nur
ihre Erzeugnisse, sondern auch — ihre Preise. Wehr
im Verborgenen oder wenigstens auf die Lehrsäle

ey

mancher Aunstschulen, ev. auch auf die Tätigkeit
„in der Diaspora" sich beschränkend, aber durchaus
zuversichtlich, schafft munter und eifrig (speziell bei
uns in Bayern) eine andere, die sich noch immer
im Lamtflaus wohl fühlt; von der schließlich nicht
zu widerlegenden Anschauung ausgehend, daß man
die Spuren der Vergangenheit nun doch einmal nicht
ohne weiteres austilgen und lauter Neues an ihre
Stelle setzen könne, sucht sie nach einer vorsich-
tigen Anpassung an die überlieferten Formen und
glaubt auch das Studium der Stil-Formen weder in
Theorie (Unterricht) noch in Praxis entbehren zu
können. Die dritte Richtung erscheint wohl gleich
gar einmal in Aniehose und Lodenjoppe, je nach-
dem; hat sie sich ja doch vorgenommen, an die
volkstümliche Aunftübung ringsum draußen im Lande
anzuknüpfen und sie nach Aräften wieder zu Ehren
zu bringen; nicht tändelnd etwa und spielerisch, zur
Herstellung von Reiseandenken und Hausgreueln,
sondern in dem Bewußtsein, daß diese Aomponente nicht
fehlen dürfe, wenn das Spiel der Aräfte, die heute —
etwa seit Erscheinen des „Paus" entfesselt — um
einen nationalen Stil ringen, die richtige Linie ein-
halten solle. Alan müßte annehmen, daß diese
Richtung von allen dreien eigentlich die älteste wäre;
denn kein anderer als schon Lichtwark, der Pfad-
finder der neuen kunstgewerblichen Bewegung in
Deutschland, hat, von Anfang an, auf den reichen
Schatz volkstümlicher Aunstpflege in Deutschland hin-
gewiesen. In Wirklichkeit ist aber gerade diese letzte
Richtung die jüngste; und wenn die kunstgewerb-
lichen Fachschulen Bayerns nicht wären, stünde es
ziemlich schlimm um sie; so aber brauchen wir um
sie nicht bange zu sein.

Kunst und Handwerk. 60. Iabrg. Heft 3.

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