Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 60.1909-1910

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Die neue Lchnitzerschule in Bberanimergau.

Der Magdeburger Runstgewerbeverein stellt
durch seinen Vertreter, Stadtrat Sahm, eine Anfrage
über die Auskunftsstellen zur Erteilung von
Ratschlägen in künstlerischen Fragen, —
ob gemäß einem Beschluß des letzten Delegiertentags
solche Stellen eingerichtet sind und wie sich die Ein
richtung bewährt hat. Wenn nicht, dann wäre die
Angelegenheit auf die Tagesordnung des nächsten
Delegiertentages zu setzen; in diesem Sinne wurde
beschlossen.

Über die Wanderausstellung erstattete der
Vorsitzende Bericht; danach gelangten in Umlauf
eine Ausstellung von Porzellanplastik, eine solche von
Textilmaterialien und eine weitere des württem-
bergischen Runstgewerbes.

Auf einen Antrag des Württembergifchen Runst-
gewerbevereins zur Aufstellung einer Rednerliste
wird beschlossen, es dem Vororte nach wie vor anheim-
zustellen, den Verbandsvereinen auf Anfrage jederzeit
Vorschläge für Redner zu unterbreiten.

Die Wahl des Versammlungsortes für
den nächsten Delegiertentag (2. und 3. April J9U)
fiel auf Magdeburg.

Mit dem Austausch des Dankes zwischen der
Versammlung einerseits und den Vertretern der Vor-
orte und dem Vorsitzenden anderseits schloß die
Versammlung um Uhr.

(Die neue Seßniherschuke
in Ööeranunergau.

Architekt: Prof. Franz?ess-München.

nergischer denn je wird seit einer
Reihe von fahren die Forde-
rung erhoben, daß neu entstehende
Runstwerke, Monumentalbauten,
öffentliche Gebäude und Häuser
den Formengeist unserer Tage
tragen sollen. Die Periode einer altertümelnden Bau-
weise unter strengem Anschluß an die bewährten Stil-
arten der Alten ist vorüber: Namentlich in der Archi-
tektur verlangen wir eigenes Empfinden und Rücksicht-
nahme auf die Bedürfnisse und Anschauungen der Neu-
zeit. Die alte Runst ist damit nicht über Bord geworfen.
Eie wird die ständig lebhaft sprudelnde Quelle neuer
Gedanken und Anregungen bleiben. Aber man ver-
langt daneben, daß die Rücksicht auf den landschaft-
lichen Charakter der Bauweise nicht außer acht ge-
lassen, und daß vor allen: mit dem heimischen Material
gebaut wird. In Sonderheit gilt dies von den: Lande.
Gerade hier wäre es verkehrt, wollte man etwas

Neues schaffen, das zu den Eigenheiten der male-
rischen Altbauten in direktem Gegensatz stände. Und
doch soll in modernem Geist gebaut werden.

Ein typisches Beispiel für eine befriedigende
Lösung der aus den angedeuteten Gesichtspunkten
naturgemäß erwachsenden Schwierigkeiten ist die zu
Anfang dieses Jahres vollendete Schnitzerschule in
Oberammergau. Sie ist erbaut von Professor Zell
in München, der als ein besonders intimer Renner
speziell der Oberammergauer Aunst gelten darf. Seit
Jahren arbeitet er an der Einrichtung des im Besitz
des Posthalters Lang befindlichen kulturgeschichtlichen
Ortsmuseums, das in Bau und Aufstellung sein Werk
ist. Die Vielseitigkeit dieser Sammlung ist eine er-
staunliche. Sie gibt uns einen Überblick über die
lokale Volkskunst, wie sie besser wohl kau::: gedacht
werden kann. Hinterglasmalereien wechseln mit Er-
zeugnissen der Wachsbossiererei, Schnitzereien von
Soldaten, von Trachten aller Art, und vielfigurigen
Arippen; daneben finden wir eine Schnitzstube, eine
I Bauernstube und ein Zimmer mit 250 (!) verschie-
schiedenen Aruzifixen. Der Bau selbst trägt außen
wie innen durchaus heimischen Charakter. So ist
diese Sammlung ein wahres Volkskunstmuseum, aus
dem der Renner, der Fachmann und Laie in gleicher
Weise lernen können.

Es war von vornherein zu erwarten, daß Zell
bestrebt sein würde, auch bei der neu zu erbauenden
Schnitzerschule nach einem rechten Anschluß an die alte
Bauart des Ortes zu suchen, und das un: so mehr,
als ihm hier der ausnehmend nüchterne Bau des
Passionstheaters ein warnendes Gegenbeispiel gab.
Besonders zu bedenken hatte er endlich noch, daß das,
was er schaffen sollte, als Vorbild zu dienen haben
würde für die Schüler, die in den: Bau ihre Aus-
bildung erhalten.

Das Äußere der Schnitzerschule, die nordwärts
der Ortschaft, wenig von ihr entfernt, auf einer leichten
Erhebung steht, ist von überraschender Schlichtheit
(Abb. 757). Aus ruhigen Flächen und weichen Linien
ist unter Anwendung einiger weniger ausdrucksvoller
Farben und bei gänzlicher Profillosigkeit ein Gesamt-
I bild komponiert worden, das, an sich äußerst vor-
nehm, mit seiner Umgebung, deren Reize in erster
Linie landschaftlicher Art sind, förmlich verwachsen
scheint. Die Massengliederung ist in rein organischer
I Art aus der inneren Zweckbestimmung heraus ent-
| wickelt. Das Gebäude trägt den Charakter einer
j Schule, ohne in uns jedoch auch nur im geringsten
eine unangenehme Empfindung zu erwecken, da die
behäbige Breite und die Sicherheit in der Anlage
einen erfrischenden Zug wohnlich-gemütlicher Art in
das Ganze hineintragen. Um die großen Innen-

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Kunst und hundwerk. 60. Iabrg. Heft \2.

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