Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 60.1909-1910

Page: 217
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Meurers „vergleichende Formenlehre des Drnaments und der Pflanze".

Drum, wenn ihr die Regensburger Wurstküche
schon nicht kopiert — im übertragenen Sinne sollte
man es —, so lernt wenigstens von ihr. Stellt euch
auf die Füße! lind wo ihr, Münchens Bürger, zu
reden habt: weg mit dem falschen Klimbim! Und
das Echte im neuzeitlichen Gewände her!

Moriz von Lafser-München.

Meurere erreichende
Hormenkchre des Ornaments und
der Pffanze".

«nter dem Strudel, der in den neunziger
Jahren viele der damals geltendenGrund-
sätze der Erziehung fürs kunstgewerb-
liche Schaffen ins Wanken und zum
Sinken brachte, kam auch die „Formen-
lehre", wie sie damals geübt wurde, zu Fall. Es
gehört deshalb schon ein achtuugheischender Helden-
mut uud ein (felsenfester Glaube an die Lebenszähig-
keit einer Idee dazu, in dieser Zeit eine literarisch-
künstlerische Arbeit größeren Umfangs in Angriff
zu nehmen, in welcher — trotz der im Lauf der
Jahre anrüchig gewordenen „Formenlehre" — die
Kunstformen systematisch betrachtet und verständlich
gemacht werden sollen.

Prof. Moritz Meurer, dem wir schon so
manche anregende Publikation auf diesem Gebiet zu
verdanken Habens, hat in Gemeinschaft mit der
Verlagsanstalt von Gerh. Kühtmann (Dresden)
das Wagnis unternommen und nun nach jahre-
langer Vorarbeit der Öffentlichkeit ein Werk über-
geben, das in seiner Art einzig dasteht. Es führt
obigen Titel und besteht eigentlich aus zwei geson-
derten Teilen, einem Handbuch (26:36 cm groß)
mit 600 Seiten reich illustriertem Text und einem
Wandtafelwerk von 230 Tafeln ((00:75 cm)2), *)

*) Sein erstes, dem Pflanzenstudium gewidmetes Werk
führt den Titel „Pflanzenformen; vorbildliche Beispiele zur
Einführung in das ornamentale Studium der Pflanze mit er-
läuterndem Text". Dresden, Verlag von Gerhard Kühtmann,
t8A5. — Das werk hat bei feinem Erscheinen in unserer
Zeitschrift — Iahrg. xgys, S. 37 ff. — eine eingehende Be-
sprechung erfahren, unter gleichzeitiger Würdigung des Pflanzen-
studiums überhaupt — Im gleichen Verlag erschienen später
die „Pflanzenbilder".

!) Das Handbuch mit rund 2000 Linzelfiguren ist im
Verlag von Gerhard Kühtmann, Dresden, erschienen (Preis
gebunden 60 M.); es ist vom Tafelwerk völlig unabhängig, da
darin auch alle Tafeln in kleinerem Maßstab abgebildet sind.
— Das Tafelwerk ist im Selbstverlag des Autors erschienen
(Preis 600 M.) und ist durch Alb. Frisch, Berlin, LUtzowstr. 66
zu beziehen. (Die Abb. 593—400 sind dem Handbuch ent-
nommen.)

392. Korpshans „Lisaria" (Regensburger wurstküche);
Architekt Richard Schachner: Treppenaufgang.

Ob der Gegenstand einer neuen Behandlung
zugänglich uitd ob dies nützlich sei, darüber kann
man im ersten Augenblick zweierlei Meinung sein,
nicht mehr aber nach Durchsicht des Meurerschen
Werkes. Die alte Schule gab in ihrer Formenlehre
ein reiches Tatsachenmaterial, das die Kenntnis
der Kunstforrnen früherer Zeiten vermittelt; diese
Formenlehre mußte als überlebt beiseite geschoben
werden, als man aufhörte, blindlings an die alten
formen zu glauben und sie schlecht und recht nach-
oder weiterzubilden. Eine Formenlehre für unsere
Zeit mußte den Entwicklungsgedanken in den
Vordergrund stellen; sie durfte nicht die Formen als
ein für allemal gegebene, gläubig hinzunehmende
Tatsachen darbieten, sondern sie mußte die Kanäle
aufdecken, die der Phantasie und der Gcstaltungs-
fähigkcit vergangener Geschlechter den Nährstoff zu-
geleitet haben; — sie mußte die Urbilder hervor-
suchen, deren Ausbau und Gliederung die Anregung
zu Kunstformen gegeben haben; — sie mußte aber

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