Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 60.1909-1910

Page: 131
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1909_1910/0146
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Lhronik des Bayer. Kunstgewerbevereins.

t-t?. Pflanzenstudien; von Rich. Biringer.

Ljjronik des dM. Kunflgeweröevkreins.

*^lr****V*i*****'**¥*****************

Mochenversammkungen.

Zweiter Abend — den zs. November — Bortrag von
Stefan Steinlein: „Die photomechanischen Reproduktions-
mittel als Verderber des Stilgefühls". Ein heikles Thema,
bei dessen Behandlung der Vortragende die fast unvermeid-
lichen Mißbräuche bei Anwendung unserer Reproduktionsmittel
an den Pranger stellen wollte, wenn kfauff schon im Jahre
^8^8 über den Aufwand an Illustrationen sich aufgehalten hat,
wie viel mehr könnten wir heute darüber klagen, da so manches
Buch erscheint, dessen Text um einen Vorrat von Klischees
herumgeschrieben zu sein scheint. Für den Künstler ist es ver-
lockend, daß er im Bereich der Reproduktionsverfahren alles
machen kann, ohne sich weiter um die Sache zu kümmern; wie
ganz anders überlegte sich einer seine Zeichnungen, wenn er
sie etwa für Holzschnitte zu machen hatte! Die Hauptübelstände
treten aber bei unserer Letternschrift und dem Vorrat an Zier-
stücken, Zeilenfüllern usw. auf. Nicht allein, daß die für einen be-
stimmten Maßstab gezeichneten Schrifttypen in allen Größen
und ganz besonders in beliebiger Verkleinerung reproduziert
werden; man findet oft genug, daß Buchschmuck und Schrift
verschiedenen Maßstabes miteinander gemengt werden, so daß
neben einer derben Schrift eine überzierliche Randleiste steht.
Diese Erscheinung ist erst eingetreten, seit die Photographie eine
bequeme Handhabe zur Verkleinerung geboten hat; daher auch
die berüchtigte Sauberkeit, die besonders bei kleinen Schriften so
auffallend ist. — Die vorgeführten Lichtbilder gaben trotz dem
großen Maßstab ein deutliches Bild davon, welchen Schaden
das Stilgefühl bei Fortsetzung des Mißbrauches der Photo-

graphie erleiden kann. — An de» mit großer Zustimmung auf-
genommenen Vortrag knüpfte sich eine kleine Diskussion, in der
I. v. S ch m ä d e l, der Miterfinder der Autotypie, die photo-
mechanischen Reproduktionsarten gegen den Vorwurf der Stil-
verderber insofern in Schutz nahm, als diese nicht schuld seien,
j wenn ihre Fähigkeiten mißbraucht werden — so wenig wie
I ein Automobil schuld daran sei, wenn sein Lenker den ver-
gnügnngsreisenden in eine langweilige Gegend fährt.

Dritter Abend — den 23. November — Vortrag von
Maler Ernst Berger über „Lnkaustik im Altertum" Der Vor-
tragende, der sich durch seine Forschungen über die Maltechniken
einen Namen gemacht, ging aus von dem allgemeinen Lnt-
wicklnugsgang der Malerei, wie er uns aus alten Schrift-
stellern bekannt geworden ist und wie er sich in den über-
kommenen Werken darstellte — untere Grenze: einfache Rm-
rißzeichnung, die mit Farben, ohne Modellierung ausgefüllt
wurde (Ägypter, Assyrer), — obere Grenze: die auf Täuschung
des Beschauers angelegte künstlerische Malerei (Apelles, Zeuxis),
Die Maler des griechischen Altertums malten, wie uns über-
liefert wurde, in Temperamanier, d. h. mit Farben, die mit
Leim, Ei oder Gummi gebunden waren; aber in dem Be-
streben nach Vervollkommnung ihrer Mittel kam im 5. Jahr-
hundert v. Ehr. eine neue Art auf, nämlich die Lnkaustik,
über deren Wesen man bis vor wenigen Jahren nicht mehr
wußte, als was Plinius in seiner kunstgeschichtlichen Darstellung
erwähnt. Die betreffenden Stellen sind nicht ganz klar und
haben erst in neuester Zeit eine befriedigendere Deutung erfahren.
Demnach hat es drei Arten der Lnkaustik gegeben: z. Lau-
ter ium-Enkaustik, bei der die Farben mit diesem Instru-
ment (wörtlich „Brenneisen", wahrscheinlich spachtelartig) auf-
getragen und gleichzeitig in erwärmtem Zustand verarbeitet
werden sollten. — 2. die Lestrum-Enkaustik, die mit
einem spitzigen Griffel nur auf Elfenbein ausgesührt wurde
loading ...