Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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stellungsarbeiten veranlaßt sah, die nördliche Vorhalle,
auch Maternuskapelle genannt, wegzuräumen. Zur völ-
ligen Herstellung der gothischen Minoritenkirche, um de-
ren nothdürftige Reparatnr sich seit Jahren ein Minori-
ten-Bauverein bemüht hatte, hat der hochherzige Erbauer
oes städtischen Mnseums, I. G. Richartz, die Summe
von 40.000 Thalern hergegeben, und Dank dem reichen
Geschenke steht dieses Gotteshaus jetzt als eine hervorra-
gende Zierde der Stadt da und bildet im Verein mit dem
Museum eine sehens- und bewunderswerthe Baugruppe.
Die innere Ausschmücknng dieser Kirche ist nicht so ge-
lungen, wie man wünschen möchte. Auch ist sehr zu be-
dauern, daß man sich veranlaßt gesehen hat, die ans dem
Ende des 16. Jahrhundert stammenden prächtigen Grab-
denkmale des Grafen von Taxis und des Herrn von
Preiner zu beseitigen. Auch hätte man gewünscht, daß
dem berühmten Scholastiker Duns Scotus eine würdigere
Grabstätte bereitet worden wäre. Für die Herstellung der
Marienkirche wurden die Mittel durch das reiche Ber-
mächtniß des Rentiers Frank disponibel gestellt und der
Kirchenvorstand von St. Maria erreichte es endlich nach
langem Kampfe, daß an diesem prachtvollen Bauwerke
eine Restauration in Gang kam, welche den romanischen
wie gothischen Bantheilen in gleichemMaße gerecht wurde.
Die Arbeiien am Außenbau sind jetzt bis auf die Thurm-
partie vollendet, und das Urtheil darüber ist ein überaus
günstiges. Ueber die innere Ausschmücknng, die noch in
vollem Gange ist, sind die Meinungen getheilt; wir be-
scheiden uns, vor Vollendung des Ganzen unser Urtheil
darüber auszusprechen. Die aus dem Anfange des 16.
Jahrhunderts stammende Kirche von St. Peter, welche
aus den Mitteln derKirchenfabrik nnd aus den Beistenern
einzelner Wohlthäter hergestellt wurde, hat im Jnnern
eine Ausschmückung erhalten, welche der im Hochaltar
befindlichen Rubens'schen Kreuzigung Petri würdig ist.
Auch in Maria LySkirchen, einem interessanten Banwerke
des romanischen Uebergangsstils, erfreute sich die Her-
stellung des Beifalles eines jeden Sachverständigen. Zur
Herstellung von St. Gereon mußten Stadt und Kirchen-
gemeinde für die erforderliche nicht unbedentende Snmme
eintreten, und die Nestauration verfolgt auch hier mit Ge-
schick und Glück den Plan, die romanischen wie die gothi-
schen Bautheile in ihren ursprünglichen Stand zu setzen.
Von besonderem Jnteresse ist der in der Krvpta dieser
Kirche liegende, aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem elf-
ten Jahrhundert stammende Mosaikboden. Es ist gelun-
gen, Hunderte von wild durcheinander liegenden ein-
zelnen Stücken dieses Kunstwerkes wieder so zusammenzu-
stellen, daß die ursprünglichen biblischen Darstellungen
wieder zum Ausspruch gekommen sind. Um St. Martin vor
gänzlichem Verfall zu wahren und in würdiger, stilgetreuer
Weise herzustellen, war eine Summe von 32,000 Thlrn.
erforderlich. Nachdem das Ministerium es abgelehnt,

einen Theil Lieser Kosten auf die Staatskasse zu überneh-
men, haben Stadt und Kirchengemeinde sich in die Summe
getheilt, und mit rüstiger Hand ist die im Jahre 1864
begonnene Herstellung ihrer glücklichen Bollendung nahe
gebracht worden. Die Entwürfe für die innere Ausschmück-
ung sind auf Ansuchen des Kirchenvorstandes vom Di-
rektox des Germanischen Museums, dem Baurath Essen-
wein, welcher wie kaum ein Anderer mit den Formeu des
romanischen Baustils vertraut ist, angefertigt worden.
Es steht zu hoffen, daß der Kirchenvorstand die Mittel
beschaffen wird, um die mit der größten Meisterschaft aus-
geführten Entwürfe zur Ausfllhrung zn bringen. Zur
Erklärung dieser Entwürfe hat der Meister eine kleine
Schrift mit dem Titel: „Die innere Ausschmückung der
Kirche St. Martin in Köln" herausgegeben.

(Schluß folgt.)

Die neu aufgedeckte Gräberstraße von Äthen.

(Schluß.)

Wenn die Ausführnng der Reliefs oft übrigens nur
eine sehr oberflächliche ist, so mag man darin einestheils
den geringen Aufwand erkennen, der für solche Grabre-
liefs zuweilen uur gemacht werden mochte, anderntheils
ist aber auch bei nicht völliger Ausführung durch die
Skulptur mit au ursprüngliche Bemalung zn denken; denn
es wird ausdrücklich bezeugt, daß an den Grabsteinen be-
sonders im ersten Augenblicke nach der Ausgrabung, dann
oft rasch verschwindend, deutliche Farbenreste an ver-
schiedenen Stellen sichtbar gewesen sind. Das angewandte
Steinmaterial ist, wie üblich in Attika, für die Fundamente
gewöhnlicher Kalkstein, wie er znm Beispiel im Piräus
bricht; davon wurden auch Umfassungsmauern der Grab-
stellen aufgeführt, die dann aber einen Bewurf und auf
dem Bewurfe Bemalung zu erhalten pflegten. Einmal
hat sich ein lebhaftes Roth und Weiß gehalten, einzelne
Bruchstücke solchen Mauerbewurfs zeigen auch Figuren,
die mit einem spitzen Jnstrumente, ehe sic gemalt wurden,
vorgeritzt sind, also ganz wie es in Pompeji gefchah.
Die Grabsteine selbst sind durchweg von Marmor, weißem
pentelischen, unbedeutendere aus späterer Zeit mehrfach
von dem bläulichen hymettischen. Zu der Ausführung
der Reliefbilder in Marmor trat auch bei diesen Grab-
mälern, wie am Parthenonfriese und sonst so oft, Ansetzen
von Einzelheiten in Metall, Bronze, vielleicht vergoldeter
Bronze, hinzu und, wären auch gar keine Farbespuren
erhalten, so setzt schon diese Vereinigung von Bronze und
Marmor sehr wahrscheinlich eine Vermittlung durch
weitere Farbengebung voraus. Das jetzt wieder beobachtete
nngemein rasche und vollständige Verschwinden von
Farben, die bei der Ausgrabung sehr stark noch sichtbar
waren, soll überhaupt auf's Neue zur Borsicht bei Schlüssen
aus dem Nichtvorhandensein von Farbespuren mahnen.
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