Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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„Bettlergruppe" von kräftiger Charakteristik. Sehr an-
sprechend sind die kleinen Genre- nnd Thierstiicke Lan-
cere's, denen sich die bereits von der Münchener
Jnternationalen Ausstellung her bekannten nicht minder
gelungenen Thierstücke E. von Wahl's anschließen.

Die Architektur-Abtheilung, die im Beginne der
Ausstellung meist Programm- und Schülerarbeiten bot,
in denen das Ringen nach der Herausarbeitung eines
russischen Baustyls mit Benutzung des national-russischen
Holzbaues, so wie byzantinischer und romanischer Kunst-
elemente sichtbar wird, hat in den letzten Wochen dadurch
bedeutend an Jnteresse gewonnery daß Professor Nesanow
und seine Gehülfen: die Akademiker Schröter, Huhn
und Küttner, die schönen Aquarellzeichnungen zu dem
nun, was das Aeußere betrifft, im Wesentlichen vollen-
deten Palais des Großfürsten Wladimir ausgestellt haben.
Die edle, reich und geschmackvoll ornamentirte Haupt-
fayade ist im florentinischen Palaststyle aufgeführt. Die
Jnnenräume werden, wie die Zeichnnngen lehren, in
sehr mannigfaltigem Style, von der romanischen Kapelle
bis zum Rokoko-Tanzsaale, behandelt. So z. B. ist ein
Gemach in russischem, ein anderes in maurischem Ge-
schmacke gehalten.

St. Petersburg, im November 1870. E. D.

Die Stoffwclt der neuesteil Malerei.

Studien im Pariser „Salon" von 1870.

Von Ernst Jhne.

(Fortsetzung).

Wie der Nährstand, so wird auch der Wehrstand
typisch dargestellt, und die bunten Scenen des Kriegs-
lebens sind ein willkommener Gegenstand für dcn farbe-
bedürftigen Maler. Fast ist zu verwundern, daß die
Aranäo natlon dieses ihr so vertraute Feld nicht steißiger
bebaut hat. — Aber der Krieg hat nicht dieselbe Bedeu-
tung in der Knnst wie in der Weltgeschichte. Er ist eine
jener Weltkräfte, die zu groß sind, um veranschaulicht zu
wcrden. Eine große Schlacht läßt sich überhaupt nicht
malen, einfach weil sie sich nicht übersehen läßt oder nur in
einer allzugroßen Eutfernnng. Es gibt iu Versailles
Schlachtenbilder aus der Krim, von irgeud einem Punkt
aus gemalt, von wo man das ganze Gefecht übersieht.
Sie erinnern uns an die Schlachten von Lilliput. Die
Regimenter ziehen wie Ameisenzüge iu kompaklen Massen
dahin, nnd kleine weiße Wölkchen deuten an, daß hie und
da ein starkes Kleingewehrfeuer rast. Hier verschwindet
jedes persönliche und damit jedes künstlcrische Jnteresse.
Von der Schlacht bleibt nur die Taktik übrig, nnd die
Landschaft wird zur Generalstabskarte. Was der Maler
von Schlachten darstellen kann, das sind nur einzelne
Scenen, in denen die Einheit der Handlung gewahrt

wird, und bei denen die größere räumliche Ausdehnnng
des Kampfes nur angedeutet werden kann.

Jn diesem Sinne ganz vortrefflich ist ein Reiter-
gefecht zwischen Kosacken und Onräos ä'lionnour von Ed.
Detaille. Es giebt eine Massenwirkung, ohne die
Grenzen des optisch Möglichen zu überschreiten. Die
Kosackenkolonne kommt vom Hintergrunde durch den ent-
laubten Wald vorgesprengt, und man sieht sie den Be-
wegungen des Terrains folgen. Borne stoßen die Reiter
zusammen. Das Gefecht wird nicht aufgelöst in einzelnc
Zweikämpfe, sondern bietet einen Gesammteindruck. Hier-
aus geht schon hervor, daß das Ganze geschildert ist ohne
besonderes Eingehen auf die persönliche Leidenschaft des
Kampfes. Der Maler hat begriffen, was immer mehr
empfunden wird, daß der geistige Standpnnkt schon durch
den optischen gewissermaßen bestimmt wird.

Ein zweites Kosackenbild von L. E. Benassit zeigt
uns die herannahende Kolonne, deren Spitze auf einer
weiten traurigen Heide sichtbar wird. Die dritte Reihe
ist schon halb im Nebel verloren. Von der Landschaft
sieht man nur Heidekraut und lange Gräser. Ein Kosack
mit ausgestrecktem Arm im vordersten Glied scheint seine
Kameraden auf die Schönheiten der Gegend aufmerksam
zu machen. Trotz des kleinen Maaßstabs ist dies Bildchen
fast historisch zu nennen, so frappant ist das unwider-
stehliche Vorwärtsdringen der russischen Horden veran-
schaulicht. Aber auch von diesen Kampfscenen finden wir
nur wenige im „Salon". 2n Friedenszeiten sind es mehr
die Scenen des Lagerlebens, die zurDarstellung auffordern.

Ein geistreich übertriebenes Bild von einem Zwei-
kampf gibt uns Anatole de Beaulieu. Jn grauer kalter
Morgenbeleuchtnng sieht man die beiden Duellanten im
verzweifelten Kampf um Tod und Leben. Eng nm sie
stehen die Sekundanten und Zengen im Kreise. Diese
großen senkrechten Figuren heben sich dunkel ab vom
nahen Horizont und kontrastiren mit den weit auslegen-
den Kombattanten. Die Umgebung, ernst und feierlich
still, ist so aufgefaßt, wie sie dcn Kämpfenden selbst er-
scheinen mag.

Das Beste im militärischenGenre sind aber dieBilder
von Paul Alexandre Protais, der seit der großen
Ausstellung von 1867 anch in Deutschland sehr bekannt ist.
Damals waren es zwei Episoden aus der Schlacht:
„Lvnnt et ^xros Is Oowlmt". Dies Mal hat er ein
größeres Gesichtsfeld gewählt.

Das eine Bild heißt „bln warolio". Im Vorder-
grunde sein Leibregiment, irgend eine Nummer der
Olinssonrs ü xieä, das in einem grünen Hochthalzwischen
schattigen Buchenwäldern bivouakirt hal und nun zum
Weitermarsch aufbricht. Hunderte von kleinen Figuren,
wie sie Meissonnier so gut zu zeichnen versteht, in höchst
malerischer Unordnung. Geräthschaften werden zusam-
mengesucht, Tornister gepackt und aufgeschnallt. Hier
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