Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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als der Schöpfer des heutigen Fraukreich betrachtet werden
nmß. Der Ludwig Hermann Kaulbach's nun erscheint
uns lediglich als das Bildniß eines durch irgend welche
UmstLnde geängstigten alten Mannes, der in uns die
nnabweisbare Vorstellung erweckt, als könnten wir dem
Originale in dem crsten besten Spitale begegnen. Her-
mann Kaulbach's Bild meint wohl als historisches gelten
;u können, jeder unbefangene Beobachter mnß es jedoch
ohne Frage in die Grenzen des historischen Genre zurnck-
weisen, das gerade für Schüler doppelt gefährlich ist,
weil es sie zur Halbheit anleitet. Doch bekundet das
Erstlingswerk des jnngen Künstlcrs ehrliches Streben
und technisches Talent, und das sind immerhin Bürg-
schaften für die Zukunft.

Otto Seitz brachte „Maria Stuart und Rizzio".
Das Bild zeichnet sich dnrch sehr eingehende Kostüm-
studien, durch trefsliche Behandlung der Stosfe und Einzel-
heiten aus, und kennzeichnet so, um es mit einem Worte zn
sagen, alle Lichtseiten der Piloty'schen Schule. Nebenden
Lichtseitcn fehlen aber auch die Schattenseiten nicht! Das
Aeußerliche waltet in nickt zu rechtfertigender Weise vor,
der Künstler blieb auf dem halben Wege zur Charaktcristik
des Jnnerlichen stehen und grnppirte seine Figuren in
einer Weise, welche lebhaft an die Bühne erinnert. Die
„Jnlie beim Eremiten" von Kraus scheint nns falsch ge-
griffen; sie ist uns weniger ein Bild der Verzweiflung, als
das eines über irgend ein Mißgeschick von vielleicht auch
untcrgeordneterBedeutung weinenden Mädchens, während
der Ausdrnck des Einsiedlers vollkommen im Sinne Shake-
speare's anfgefaßt ist.

Damit hätten wir das Gebiet des historischen Genre's
hinter uns und könnten zum eigentlichen Genre übergehen.

Zunächst fiel uns die „Hundevisitation" von Gysis
in die Augen. Gysis scheint der Historie nntreu werden
zu wollen, und wir können dies nach seiner „Judith am
Lager des Holofernes", welche vor einigen Monaten im
hiesigen Kunstverein ausgestellt war, gerade nicht allzu leb-
haft beklagen; wie wir denn schon öfter die Erfahrnng ge-
macht haben, daß Ueberläufcr aus dem Lager der Histo-
rienmaler weniger bedeutenden Leistungen in jenem ent-
schieden Besseres im Gebiete des Genre folgen ließen.
Schon öfter haben sich Künstler den Spaß gemacht, in
Hunden und Menschen eine gewisse Charakterähnlickkeit
znr Darstcllung zu bringen. Das geschah jedoch unseres
Wissens bisher nur in der Form von Croqnis, so daß
Gysis wohl als der crste zu bezeichnen wäre, der diesen
Gedanken in einem ausgeführten Bilde zur Geltnng ge-
bracht.

Kurzbauer's „Abgewiesener Freier" verräth selbst
dem, der desselben Künstlers „Eingeholte Flüchtlinge"
nicht kennt, ein ungewöhnliches Talent, welches sich nicht
blos durch eine seltene Charakteristik und LebenLwahrheit,
sondern auch durch einen entschieden idealen Zug kenn-

zeichnet. Kurzbaner ist es ossenbar nicht um blos äußere
Wirkung zu thun, sein Ziel liegt höher.

Defregger's „Ringkampf" zeigt dieselbe geniale
Auffassung des Kleinlebens, dieselbe anziehende Unmittel-
barkeit nnd dieselbe bewnndernswertheCharakteristihwelche
man in allen bisherigen Arbeiten dieses tresslichen Künst-
lers begegnete. Auch er strebt wie Kurzbauer nach inne-
rem poetischen Gehalte.

Eine „Morgenandacht in der Familie Bach" von
Rosenthal besitzt bei unleugbarer Härte des Bortrags
und Zerrissenheit der Komposition in Farbe und Licht (die
Figuren sind von zwei entgegengesetzten Seiten vom ein-
fallenden Sonnenlicht belenchtet) einzelne höchst anziehende
Parthien und spricht fnr eine glückliche Naturbeobach-
tung. Doch hat der Künstler in der Ausführung der Ein-
zelheiten nach Weise seines Meisters viel zu viel gethan
und den Korb mit Wäsche auf dem Stubenboden für ebenso
wichtig gehalten als den Kopf des Meisters, und so macht
das Ganze bei dem Mangel der Unterordung des Unbe-
deutenden unter das Bedentende einen unruhigen Eindrnck.

Bolonachi brachte „NeapolitanisckeFischer",trefflich
in Farbe und Stimmung, Aoung „Schmuggler" von
guter Charakteristik. Doch ist der Stoff ein schon allzusehr
verbrauchter und hätte nur durch größere Originalität der
Auffassung noch einigen Reiz für den Beschauer gewinnen
können. Aber diese vermissen wir in beiden genannten
Bildern.

Fabre de Four's „Pferde" sind in jener pastosen
Weise gemalt, welche mehr an die Spatel als an den Pin-
sel erinnert und von einer gewissen Kokettcrie mit soge-
nannter Nachlässigkeit nicht frei ist.

Jn Neul's „Stillleben" sind die Nebensachen zur
Hanptsache erhoben und die beiden Figuren ihnen voll-
ständig untergeordnet. So kommt es, daß man sich des
großen Fleißes in der Ausführung der Einzelheiten sowie
der entschiedenen Anlage für Natnrbeobachtung nicht un-
getrübt erfrenen kann.

Zum Schluß haben wir noch eines trefflichen lebens-
vollen Bildnisses von Meisel zu erwähnen und der Pi-
loty'schen Sckule unsern aufrichtigen Dank für ihrUnter-
nehmen auszusprechen.

München, Mitte September.

Äus Giiser's Kunstsalon.

Wicn, Anfang Oktober IS?a.

Einige mit Geschick arrangirte, Aufsehen erregende
Gemälde-Auktionen haben den Namen des Wiener Kunst
händlcrs Käser rasch populär gemacht in den Kreisen dcr
hiesigen Künstler und Kunstfreunde, für welche er balr
ein gesuchter Bermittler wurde. Der Aufschwung, den
das Kunstleben in Wien während der letzten Jahre nahm,
brachte auch dem Kunsthandel eine Zeit der Blüthe, und
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