Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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bei der geistigen Perspeküve die Hinneigung zu einer
fehlerhaften Auffassung in Folge der Verwechslung des
Wissens mit der Anschauung.

Das Erste, was man dem Anfänger beim Zeichnen
nach der Natur beizubringen sucht, ist, daß er nicht mehr
zeichne, als er sehen kann. Er möchte dem zollhvhen
Männchen auf seinem Bilde, Augen, Mund und Nase
geben, weil er weiß, daß in der Wirklichkeit die Menschen
mit diesen Organen versehen sind. Auch schielt er nach
rechts und nach links und bringt Objekte in das Bild
hinein, welche gar nicht mehr in seinem Gesichtsfelde liegen.
Wie wir gesehen haben, sind die Fehler, welche die
Maler in der Auswahl und Behandlung ihrer Stoffe
begehen, ganz ähnlicher Art. Sie malen nnr allzu häufig
nicht nnr die „Schaf' und Küh'", welche sie sehen, sondern
auch „hinterm Berg die Schweine".

Den Kindern gibt maudie sehr einfache Regel: „Malt
was Jhr seht", den Künstlern sagt man mit demselben
Rechte: „Malt was Jhr fühlt", aber beide werden noch
lange fortfahren zu malen, was sie wissen. Sie sehen,
bald mit einem Mikroskop und bald mit einem Fernrohre
bewaffnet, mehr als das bloße Auge ihnen zeigen würde.
Aber der Motor des Jnteresses bei der teleskopischen oder
mikroskopischen Betrachtung eines Objekts ist lediglich die
Wißbegierde oder die Neugierde. Verwechseln wir dies
nicht mit der künstlerischen Theilnahme. Thun wir dies,
so stehen wir noch auf dem Standpunkte der didaktischen
Kunst, und die Gemälde, welche bloß einen didaktischen
Zweck erfüllen. gehören in die Klassenzimmer der Gym-
nasien und Realschulen.

Das Jnteresse der wahren Kunst beruht auf etwas
ganz Anderem. Es ist das Fixiren eines längst empfan-
genen und geistig verarbeiteten Eindruckes. Alles, was
in der Phantasie des Menschen eine bedeutende Stelle
einnimmt, verdient auch eiue bedeutende Stelle in der
Kunst. Wie das wahre Kunstwerk, ehe es in Farbe und
Marmor existirt, schon in der Phantasie des Künstlers
vorhanden ist, so müssen auch sämmtliche Gegenstände der
Kunst in der Phantasie des Volkes eine Stelle haben.
Wir finden hier eine vollständige Analogie zwischen dem
Jntellekt des Einzelnen und dem Jntellekt des gesammten
Volkes. Jedes einzelne Kunstwerk ist ein Blatt aus dem
Gedächtniß des Künstlers nnd die bildende Kunst ist das
Gedächtniß der empfindenden Menschheit.

Korrespondenz.

Ncw-Aork, im November 1810.

0. L.. Ein fast tropisch warmer und anhaltender
Sommer hat sein Ende erreicht und allmählig kehrt dic
Gesellschaft von Sommerreisen, Villen und Badeörtern
zurück, wenn auch die eigentliche Saison bis jetzt weder
im geselligen noch im Kunstleben angefangen hat. Jn
der Akademie ist noch keine Winterausstelluug angekün-

digt; die gelegentlichen Ausstellungen zur Versteigerung
bestimmter Gemäldesammlungen nehmen erst später ihren
Anfang, und augenblicklich sind die Galerien der Kunst-
handlungen die einzigen Räume, in welchen der Kunst-
freund, dem nicht etwa eine oder die andere der gewöhn-
lich hermetisch verschloffenen Privatsammlnngen osfen
steht, sein Verlangen befriedigen kann. Der Krieg, der
erklärte Feind der Kunst, hat seinen störenden Einfluß
noch nicht bis hierher ausgedehnt, oder mag vielmehr die
Beranlassung sein, daß uns so manche Kunstwerke aus
Europa zufließen, welche hier jetzt eher Beachtung und
Anerkennung finden, als dort, wo gegenwärtig das
Schicksal von Staaten und Nationen alle andern An-
gelegenheiten geringfügig erscheinen läßt. Jn jenen Aus-
stellungsräumen strömt denn anch den ganzen Tag eine
schaulustige bunte Menge aus und ein, und liefert ein
erfreuliches Zeugniß für den wachsenden Kunstsinn des
Publiknms. Jn der That gehört die früher fast sprich-
wörtliche Geschmacklosigkeit der Amerikaner heutzutage —
wenigstens unter den Gebildeten der großen Stäbte, wo
ihnen Gelegenheit zur Anschauung von Kunstwerken ge-
boten wird, — mehr der Tradition als der Gegenwart an.
Die oft belachte Bemerkung, „welch ein fleißiger Mann
der Herr Düsseldorf doch gewesen sein müsse, um eine so
große Sammlung von Gemälden zu malen", mag wohl
zu ihrer Zeit gemacht worden sein, und ähnliche fallen
vielleicht noch jetzt vor, doch dienen sie so wenig als
Maaßstab für den Kunstsinn der Gebildeten wie in Eu-
ropa, wo man gelegentlich ja auch dergleichen Naivetäten
hören kann, ohne daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen.

Wir wenden uns zuerst nach der Galerie von Knoedler.
Hier treten uns sogleich mehrere Prachtstücke entgegen.
Da ist ein junges Mädchen am Seenfer, von Meyer
von Bremen, eins der Bilder, die einmal gesehen, einen
nnvergeßlichen Eindruck znrücklassen. Wir wissen nicht,
ob sie nach einem Verlorenen aussieht, oder ob ein unheil-
barer Liebesschmerz sie allein an das wilde Meer hinaus-
getrieben; wir sind keineswegs sicher, daß sie nicht ihre
Verzweiflung in den Wellen begraben wird. Jedensalls
ist es ein ächtes Menschenkind, das unser ganzes Mit-
gefühl rege macht. Ein anderes Bild desselben Künstlers
zeigt uns den mit seiner ganzen Msisterschaft gemalten
Kopf eines jungen Mädchens. — Auch einem prächtigen
BildevonRosa Bonheur begegnen wir: Schafe aufder
Weide. Der Habitns, der Ausdruck in den Gesichtern
der Thiere ist mit hoher Virtuosität wiedergegeben. Es
ist nicht nur der allgemeine Typus der Schafc, es sind
individuelle Schafe mit all den feinen Verschiedenheiten,
wie sie eben nur aus so voller Kenntniß der Thiernatur
hervorgehen konnten. — Da sind ferner zwei Bilder von
A. Achenbach. Das eine, ein kleines Seestück, zeigt die
Brandung an den Felsen des Ufers, ein brillantes kleines
Kabinetstück. Das andere, eine Landschaft mit einem
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