Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

Page: 22_181
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1871/0184
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
181

theatralisch, die ganze Persöulichkeit aber bei größter
Aehnlichkeit so gewinnend und glänzend dargestellt, daß
kein anderer einzelner Theil der Akademiedekoration damit
ganz gleichen Schritt halten konnte.

Das galt indessen hauptsächlich mit Rücksicht auf
die Stelle, die ja eine etwas kräftige dekorative Wirkung
erheischte. Dazu waren dieMittelFriedrich's von Kaul-
bach in seinemGroßherzog vonMecklenburg (links neben
dem Kronprinzen) fast zu sein und zart. Der Künstler ist
einer unserer auserwähltesten Frauenmaler, und in einem
hocheleganten Frauenbildniß hätte er nicht reizender Lorbeer
und Rose zu den Füßen der geseierten Persönlichkeit hin-
streuen köunen. Auch die ganze Figur trat weltmännisch
fein hervor, in sprechender Bildnißtreue; aber der Ton
war im Allgemeinen für den Ort um eine Wenigkeit zu
äthcrisch, obwohl an sich höchft anziehend. Grade unter Be-
rücksichtigung der dekorativen Erfordernisse konnte dagegen
man annehmen, daß Karl Becker sich in seinem Elemente
fühlen würde, wenn er, (rechts neben dem Prinzen Fried-
rich Karl) den Kronprinzen von Sachscn malte. Und so
war auch in der That dies Porträt von sehr intensiver
Wirkung, höchst auffallender Weise aber gar nicht in
dem bekannten Farbencharakter dieses mit Recht berühmten
blühenden Koloristen. Doch war dies eher von Bortheil
als von Nachtheil; man vermißte eigentlich nur die Manier,
nicht die Meisterschaft.

Die Porträtähnlichkeit freilich war nur um Weniges
trefsender als der Bers darunter, der eben so gut unter
jedem der anderen Fürstenbildnisse stehen konnte:

Männer aus jeglichem Gau Germaniens kämpften verbrüdert;
Helden dem Throne zunächst sührten die Streiter zum Sieg.

Es war eine so allgememe Phrase hier un> so auffälliger,
alS diePrägnanz der übrigen Jnschriften an der Akademie
und namentlich unter all den großen Porträts nicht dcr
geringste Vorzug der Dekoration war. Jch will zum
Beweise dessen nur noch das klassische Epigramm unter
dem Bildnisse des Großherzogs anführeni

Herrschend aus eigenem Rechte, gehorchend aus eigenem Willen,
Fürst und Feldhcrr zugleich, zogst du das tapfere Schwert.

Zwischen und neben den vier fürstlichen Bildnissen
waren jederseits (von der Nische) drei Mauerpfeiler, zwei
schmalere und ein breiterer, zur Verfügung. Sie wurden
für kriegerische Darstellungen verschiedener Art benutzt.
An den Ecken des Risalits auf den breiten Feldern waren
zwei flotte Kampfscenen, links von Jnfanterie, rechts von
Kavallerie, gemalt. Ans dem Kampfgewühl um eine
eroberte Kanone, bei der es heiß hergegangen zu sein
scheint, hebt sich ein verwundeter Eroberer eines feind-
lichen Feldzeichens hervor. Das Bild ist vielleicht das
Beste, wasOtto Heyden bisher in dergleichenSchlachten-
kompositionen zuwege gebracht hat, und wie sehr gut es
war, bewies am besten der Umstand, daß es sich ungefähr-

det neben dem Pendant hielt, in dem Karl Steffeck
seine ganze Virtuosität im Pferdemalen bewährt hatte.
PreußischeKavallcrie, Kuirassiere nnd Dragoner, sprengen
gegen französische Jnfanterie im Vordergrunde an. Die
Freiheit und Kühnheit der Bewegungen ist auf der Höhe
des Erreichbaren.

Die beiden schmaleren Mittelbilder jeder Seite von
Ludwig Burger zeigten ruhige und mehr lustige Scenen
des Lagerlebens: hier in reicherer Umgebung einen Garde-
füsilier, der, eine erbeutete Fahne haltend, mit einem
Gardelandwehrmann sich unterhält, dort einen Uhlanen,
dem bayrischen Trompeter eine Champagnerflasche zu-
trinkend, im Hintergrunde Johanniter.

Auf den schmalsten Feldern zunächst an der Nische
hatte Gnstav Spangcnberg einen Bayern und einen
Würtemberger mit seiner Fahne, beide in höchst male-
rischer Haltung und mit großer koloristischer Feinheit be-
handelt, dargestellt.

So hatte in dieser Fayadendekoration die realistische
und koloristische Malerei ein groß angelegtes, trefflich
geschlossenes, auch im Einzelnen zum mindesten ohne irgend
welchen störenden Mißklang durchgeführtes Ensemble hin-
gestellt, das der Gesinnung und dem Können der Berliner
Künstlerschaft zur höchsten Ehre gereicht.*)

(Schluß folgt.)

Zur Erinnerung nn Eugen Gduard Schäffer.

ii.

Jn Rom verkehrte Schäffer auch mit dem alten
Wagner. Sie waren eine Zeitlang Tischgenossen. Wie
Jedem, der Gelegenheit fand, demselben nahe zu treten,
so fesselten auch ihn der lebendige Geist des muntern Alten,
die lebensfrischen Erzählungen aus dem römischen Künstler-
kreise und aus seinem Zusammenleben mit König Ludwig
auf der Villa Malta. Der lange Aufenthalt in Rom,
seine vielfältigeu Beschäftigungen mit den Antiken, das
Zusammensetzen und Ordnen der reichen Vasensamnilung,
die der König gekauft, seine Lektüre selbst, die zumeist die
alteu Dichter und Autoren, den Plinius vornehmlich um-
faßte, hatten seinein Geist ein alterthümliches Gepräge auf-
gedrückt. Er konnte, wenn er bei Tische angesammeltem
Aerger vom Morgen her schon Luft verschafft, sei's durch ei-
nige Nadelstiche an den Genofsen oder durch ein Paar Grob-
heiten, die er gelegentlich dem Kellner an den Kopf warf,

*) Jn dem zweiten Abschnitt dieses Berichtes (Nr. 2 t der
Kimstchroiiik) sind folgende sinnentstellende Druckfehler zu ver-
bessern: S. 17V Sp. t Z. t8 v. o. Spruchweisheit statt
Sprachweisheit; Z. 26 v. u. umrahrnten statt rothum-
rahmten; Z. 17 v. u. schwamm statt schwammen. — Sp.
2. Z. 1 v. o. etwas statt etwa; Z. 3 v. o. gehenden
stalt gestandenen; Z. 26 v. u. Wachsfarben statt Wasser-
farben; Z. 17 v. u. ausgewähll statt ausgeführt. — S.
171 Sp. 1 Z. 6 v. u. er statt es.
loading ...