Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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aber dürfte dann eine Mehrbewilligung zu erwarten sein,
um so mehr als ja von den Abgeordneten selbst die Be-
theiligung Semper's an der Projektion des Baues aus-
drücklich gewünscht worden ist. Die sächsischen Stände
haben die ideellen Jnteressen ihres Landes über den
materiellen nie vergessen und auch erstere immer reg und
warm zu fördern gesucht; sicher werden sie auch jetzt nicht
die Hand zurückziehen, wo es gilt ein Werk verwirklichen
zu helfen, wie es der Genius der Kunst nicht alle Tage
koncipirt und darbietet. Möchte man den Entwurf an-
nehmen, wie er vorliegt; jedenfalls sich vor einer allzu-
großen Reduktion der Pläne hüten. Ein Eingreifen in
den Grundplan würde den Organismus stören und das
Werk selbst aufheben, in welchem jeder Theil seinen Zweck
erfüllt und zugleich zum vollendeten Einklang der rein
ästhetischen, schönen Totalwirkung wesentlich beiträgt.

C. Clauß.

Korrespondenz.

Berlin, Weihnachten 1870.

L. U. Also Sie wollen durchaus von hier aus Kunst-
korrespondenzen haben? Es ist Jhnen nicht genug, daß
die Hauptstadt des im Kriege neugeborenen deutschen
Reiches unter dem Donner der Kanonen friedlich eine
sehr respektable Kunstausstellung wie gewöhnlich abhält? !
Aber Jhr Wunsch ist eher begreiflich, als die Erfüllung von
hier aus möglich. Was soll ich Ähnen mittheilen? „8io !
triAknt urtos", kann man bei uns mit Erasmus in ^
Friedenszeiten und im Sommer sagen; was nun erst bei
der gegenwärtigen barbarischen Kälte und dem ferne
grollenden und uns doch so sehr nahe angehenden Un-
wetter des Krieges! Soll ich Jhnen seit so und so vielen
Jahren zum hundertsten Male die wichtigen, lange er-
ledigten und immer noch nicht besetzten Stellen in der
Kunstverwaltung aufzählen? Soll ich Sie damit unter-
halten, wie der Kultusminister darauf zu sinnen scheint,
einen geübten bru^bettous auf Lebenszeit anzustellen?
Soll ich Jhnen einmal nicht offiziös schildern, wie in dem
neuen Siegesdenkmal auf dem Königs- (vielleicht bald
Kaiser-) platze der ganze Jammer des Krieges sich in ästhe-
tischer Ungestalt zu verkörpern fortfährt? Soll ich Jhnen
von den Menschlichkeiten und Erbärmlichkeiten sprechen, die
sich wieder einmal unter dem Schutze der bei jedem Gut-
willigen längst mit dem Stempel der lächerlichsten Ueber-
lebtheit gebrandmarkten bestehenden Einrichtuugen bei
den Einkäufen für die Nationalgalerie und der Zuer-
kennung der Medaillen zugetragen haben? Soll ich die
Zeit für gekommen erachten, wo es nicht mehr erforderlich
ist, länger auf die Beendung der neuen Aufstellung —
vulKv Puppenwanderuug — im Museum der Gypsab-
güsse zu warten, um das dort beobachtete Gewürzkrämer-
shstem nach Gebühr zu würdigen? Soll ich Jhnen getröstet
Melden, daß über das Schillerdenkmal ein Einverständniß

zwar endlich erzielt, mit der Aufstellung auch bereits vor-
gegangen ist, daß die Enthüllung aber zu Schiller's Ge-
burtstage noch nicht stattfinden konnte; jedoch gegründete
Aussicht vorhanden ist, daß dieselbe noch vor dem Nimmer-
mehrstage vollzogen werden wird? Soll ich Sie auf
das lustige Faktum aufmerksam machen, daß (s. ckouru.
äos Lsuux-ilrts, 1870, Ur. 23) ein belgischerKunstfreund
die Plastik auf unserer Ausstellung „xullvrkwollt roprck-
sslltss" gefunden hat, vermuthlich weil er die eigent-
liche Skulpturenabtheilung in ihrem famosen Winkel nicht
entdeckt und ein Dutzend Büsten in den Bildersälen für
die Blüthe unserer modernen Bildhauerei gehalten hat?
Soll ich ja was soll ich weiter dergleichen schöne
Sachen Jhnen an den Fingern mit der Geläustgkeit her-
rechnen, die einem leider aus der jahrelangen, nothge-
drungener Weise innigen Bekanntschaft mit unseren
elenden öffentlichen Kunstverhältniffen und aus der stäten
und tiefen Trauer über deren sicheren und immer schlim-
meren Verfall zu eigen geworden?

Sie werden nicht verlangen, daß ich in dieser Zeit,
wo alle diese Dinge vorübergehend vergleichungsweise
klein erscheinen, und wo im Großen Grundlagen geschaffen
werden, die, an stch zwar unbefriedigend genug, doch in
jedem Element der Unhaltbarkeit und Halbheit, das in sie
hineingebaut wird, die zwingende Nothwendigkeit in sich
enthalten, sich in Bälde vernunftgemäß und genügend aus-
zugestalten, Grundlagen immerhin, die zuversichtlich auch
unsere Kunstverhältnisse zur Regeneration von Grund
aus zu drängen nichtanstehen werden, — dem Bestehenden,
das werth (und sicher) ist, daß es zu Grunde geht, die
Ehre anthue, von ihm eine olirolliyus SLUlläulollSs zu
schreiben. Leider aber finde ich, wo ich mich immrr im
Großen nach die Kunst betreffenden Ereignisien in meiner
Nähe umschaue, nichts Erfreuliches und Redenswerthes,
woran sich die Betrachtung halten könnte; und ich muß
mich deßhalb, um Jhrem Wunsche mehr der Form als dem
Wesen nach gerecht zu werden, nach Kleinigkeiten umsehen,
wie sie bei der llmschau in den permanenten Ausstellungen
sich dem Blicke darbieten, und ich bin noch glücklich genug,
unter den künstlerischen Tagesereignissen einem zu begeg-
nen, das werth ist, daß man länger dabei verweilt und den
Blick auch einmal rückwärts wendet, um ein interessantes
Stück künstlerischer Lokalgeschichie Berlins festzustellen:
Die Weihnachtsausstellung von Transparent-
gemälden mit Gesangbegleitung des kgl. Domchores im
langen Saale der Akademie, veranstaltet von dem Verein
der Berliner Künstler zur Unterstützung seiner hilfsbe-
dürstigen Mitglieder. Da der Verein das erste Viertel-
jahrhundert seiner Thätigkeit (genau jetzt 26 Jahre) hinter
sich hat, kann man wohl von einer Art Geschichte desselben
reden, deren Momente es lohnt in der Kürze an dieser
Stelle aufzuzeichnen.

DerKünstlerunterstützungsverein istein engerer
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