Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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bene Verfahren bis an sein Ende bei. Der Nachfolger
Zwirner's kehrte zu dem Systeni der Viernngen zuriick.
Die verwitterten Theile wurden bis zu den kleinsten
Stückchen durch Vierungen neu ergänzt; die gesunden
alten Theile blieben unverändert in ihrer alten Forin
undFarbe, unberührt von demCharireisen. Das war bei
der zur Anwendnng gebrachten Sorgfalt der Ausführung
das allein richtige Verfahren. Aber der Kontrast zwischeu
den hellen, neu eingesetzten Steinen unv den dunkeln,
warmen Farben des alten Thuruies, welcher Kontrast erst
nach Jahren sich mildert und endlich sich ganz ausgleicht,
erschien nicht angenehm. Man half nach. Man strich zu-
näckist die neuen Stücke mit Cement an und als hierdurch
eine vollständige Farbenausgleichung nicht erreicht wurde,
auch die einschließenden alten Flächen in zunehmender
Ausdehnuug. An dem vorgenannten Theile des südwest-
lichen Hauptthurmes sind groste Flächen in dieser Art
behandelt nnd mit Cement angestrichen.

Das bis in die kleinsten Theile durchgeführte System
der Vierungen ist von außerordentlich kostspieliger Arbeit,
die nur langsam von Statten geht und deren Fortschritt
nur wenig in die Augen fällt. Man entschlost sich darum,
von der Ergänznng der dem Auge weniger zugänglichen
Architekturtheile, all' der kleinen Knöpfchen, Kantenblätt-
chen und Kreuzblümchen Abstand zu nehmen, den vor-
findlichen verwitterten Zustand zu belassen und nur dem
fortschreitenden Verfall dadurch Eiuhalt zu thun, dast alle
dem Wetterangriffe zu sehr ausgesetzten kleineu Theile,
all' diejenigen Eckchen und Wiukel, in denen Regen und
Schnee liegen bleibt, wasserdicht abgedeckt wurden. An
der mehrerwähnten Ostfront des Südwestthurmes sehen
wir auf allen kleinen Wimpergen, welche die Pfeiler in
der Höhe der Galerie schmücken, die Dreiviertelkreuz-
blümchen unergänzt; sie fehlen vollständig; die abgewitter-
ten Stelleu sind mit dem Eisen aufgeschärft und mit Ce-
ment beigestrichen. Der hohle Ranm hinter den Wim-
pergen, namentlich an deren Wurzel ist mit Cement
ausgefüllt und an der Oberfläche zur Beförderung des
Wasserabflusses abgeschrägt. Dast hierbei alle unteren
Kantenblümchen an den Wimpergen mit Cement bedeckt
wurden und verloren gegangen sind, war nicht zu ver-
meiden. Die Quaderfugen sind mit Cement ausgefugt,
einzelne kleine Eckchen an den Profilen, an den Rundstäb-
chen und Plättchen mit Cement beigestrichen und ergänzt.

An der Ostwand des neuen Thurmes, da wo der
große Spitzbogen in das nördliche Seitenschifs des Domes
mündet, sehen wir die abgewitterten Quadersteinflächen
ganz mit einem Cementquaderanputz versehen, die Stein-
gliederungen des großen Bogens, die Rund- und Spitz-
stäbe, die Hohlkehlen und Plättchen m allen fehlenden
Theilen von oft ansehnlicher Größe inCement beigezogen.
Wir nehmen keine neue Steinvierung wahr; wir
stehen hier vor einer vollständigen Cementverputzarbeit.

Aehnlich ist man bei der Restaurirung der alten Theile
an der Nordseite des Nordwestthnrmes verfahren. Hier
wurden sogar die Sockelgesimse mit Cement ergänzt und
mit Cement angestrichen.

Für ein schnelles und billiges Bauen würde der Ce-
ment die trefflichsten Dienste leisten. Manchem möchte es
aber scheinen, daß gerade beim Dome das System der
Sparsamkeit übel angebracht ist, und daß es hier wie bei
keinem anderuBauwerke auf Solidität der Arbeit, Dauer-
haftigkeit des Materials und Gediegenheit im Detail wie
im großen Ganzen ankommt. Es scheint, daß man in der
jüngsten Zeit aucki zum Bewußtsein gekommen ist, daß
Cementschmierereien des Domes völlig unwürdig sind;
auS den letzten Bauperioden sind keine weiteren Cement-
restaurationen zu konstatiren, und es steht zu hoffen, daß
man es auch für immer bei den angeführten Proben wird
bewenden lassen.

Korresponderrz.

Berlin, Ende März 1871.

Der Berliner Künstlerverein hat die unfrei-
willige Mnße, welche die akademische Kunstausstellung
natürlich seiner permanenten Ausstellung auferlegte, zu
einem zweckmäßigen Umbau seines Lokales benutzt. Es
sind eine Anzahl Oberlichter zwischen die Anfangs vor-
handen gewesenen eingefügt, so daß die dunklen Stellen mit
gekreuztem Streiflicht, welche durch die breiten Zwischen-
räume zwischen den Lichtöfsnungen der Decke auf den
Wänden erzeugt wurden, jetzt aufgehoben sind, und der
ganze Saal wesentlich gewonnen hat.

Die Ausstellung wurde am II. December v. I.
wieder eröfsnet und hat seitdem eine sehr erfreuliche Reihe
zum Theil sehr interessanter Werke bekannt werden lassen,
aus deren Zahl wir—leider erst jetzt — das Wichtigste
und Erwähnenswertheste hervorheben wollen.

Zu Zeiten grassiren gewisse Stoffe innerhalb eines
weiteren oder engeren Künstlerkreises, selten aber verdan-
ken dem so viele vorzügliche Werke ihren Ursprnng, wie
gegenwärtig der Borliebe der Berliner Maler für Mär-
chendarstellungen. Es ist, wie wenn man sich das
Wort gegeben hätte, Springer's „Märchen lassen sich
nicht malen, nur zeichnen", wenigstens bedingterweise zu
Schanden zu machen. Die fünf Märchenbilder der Brüder
Franz und Paul Meyerheim sind von der Ausstellung her
noch in lebendiger Erinnerung, ebenso August von Hey-
den's Märchen, das vorübergehend auch noch im Künstler-
verein erschien. Hier aber traten neben ihm drei neue
Werke auf, welche in drei ganz verschiedenen Weisen der-
selben Richtung folgten, und die uns deshalb heute vor
Allem beschäftigen sollen.

Jn dem Einen haben wir zugleich ein erwünschtes Mit-
tel gefunden, unser Urtheil über einen Künstler zu klären
und zu berichtigen, der uns bisher nur als Zeichner be-
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