Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Nun kommt die Jahreszeit noch erschwerend hinzu,
nicht bloß wegen der Hitze, sondern noch mehr wegcn der
Helle. Der 16. Juni fällt schon in die Zeit der hellen
Nächte; also erst stark in der zehnten Stunde konnte die
Jllumination in Gang kommen, während die voran-
gegangenen um 7 Uhr hatten beginnen können. Wer sich
aber auf diese Nachtpartie noch einließ, der konnte doch
— wenn auch nicht von den Privaten, so doch zum min-
desten von den öffentlichen Festvorständen - dieRücksicht
fordern, das Schauspiel nicht allzu ängstlich in Bezug
auf die Zeit zu beschränken und den Schluß durch das
Publikum, durch das Erlahmen und Verschwinden seiner
Theilnahme bestimmen z» lassen. Schlag zwölf Uhr aber,
während unter den Linden noch Kopf an Kopf gedrängt
hin und her wogte, erlosch dieJllumination um den alten
Fritzen, erlosch das Zeughaus, das Museum, u. s. w.
Und das wäre allenfalls zu rechtfertigen gewesen, wenn
man die Jllumination an diesem Abend eben nur als un-
umgänglichen Programmschluß in Scene gesetzt HLtte, um
sie am folgenden Abend vor einem ansgeruhten und
genußfähigen Publikum als selbständiges Schauspiel zu
wiederholen. Die Kosten des Anzündens und der Leucht-
stosfe sind ja verschwindend klein gegenüber den Vor-
bereitungskosten für eine so ausgedehnte und glänzende
Jllumination. Aber keine Jdee davon; man hatte ja
genug Geld ausgegeben für ein Arrangement, das sich auf
dem Festprogramm und in officiell begeisterten Festberich-
ten unübertrefslich ausnahm. Was thut's, ob damit in
entsprechendem Maße Freude bereitet war? Man war !
befriedigt ipso kucrto und vor sich selber groß.

Es sollte doch wohl eincs recht knnstlichen Sophisten
bedürfen, um auseinanderzusetzen, wodurch sich im We-
sentlichen solche Weisheit von den lustigsten Abderiten-
stückchen unterscheidet. Jndessen man wußte den Effekt
noch zu steigern. Einem tref gefühlten Bedürfniß ab-
zuhelfen, hatten sich einige Stadtbezirke zusammengethan,
die Soldaten an demselben Abend auch noch — tanzen
zu lassen! Daß die Pflastersteine die Väter dieses Ge-
dankens nicht schallend ausgelacht haben, kann nur darin
seinen Grund haben, daß sie gewohnt sind, seit Jahren
Alles über sich ergehen zu lassen. Die Ausführung des
Gedankens entsprach dem denn auch vollständig. Es
kommt ja bloß auf die „Jdee" an; ob sie sich in pruxi
vernünstig oder unvernünftig gestaltet, ist ja ganz gleich-
gültig. Es wurde also der Beschluß gefaßt, den Dön-
hofsplatz zu eincm Tanzplatz für die Soldaten herzurichten.
Das ist doch großartig? Aber nur hinsehen! Nicht etwa
der Platz, sondern ein ganz kleiner Theil desselben, dem
an Größe mancher öffentlicheBallsaal und mancher Som- i
mertanzboden in Berlin nur sehr wenig nachsteht, war !
zum Tanzlokal umgewandelt wordcn; und da man die
löbliche Vorsicht gebraucht hatte, das Zauberfest unter !
dem Schutz der allgemeinen Müdigkeit abzuhalten, so

reichten die Räume aus. Als Alles im Gange war, soll
es, wie Kompetente berichten, „feenhaft" gewesen sein.
Als ich wenige Minuten nach Mitternacht die Stelle
betrat, lagen die Schauer der Nacht mit undurchdring-
licher Dunkelheit über diesem Asyl der Freude gebreitet,
und am nächsten Morgen begaun schon der Abbruch.

Aber die „Jdee" war doch sehr schön, und die Be-
richte noch viel schöuer. Man frage aber einmal die Sol-
daten, was sie zu dem Raffinement dieser Ueberfütterung
gesagt haben. Man wird Variationen des Themas hören:
„sit moclus in rsbus" denn «^c<rror"; oder auf

deutsch: „Alles hat seine Zeit". Unter anderm gilt das
auch von dem Philisterthum. Die Zeit aber des Philister-
thums ist die längstvollendete Bergangenheit; was mit-
unter zu berücksichtigen wäre.

Bruno Meyer.

Nekrologe.

6. Johann Adolf Lasinskq, einer der ältesten Land-
schaftkmaler Düsseldors's, starb daselbst den 6. September l87t.
Er wurde 1809 in Simmern geboren und bezog 1827 die
Düsseldorfer Akademie. Hier gehörte er zu den Ersten, die
mit Lesstng und I. W. Schirmer die Landschaftsmalerei selbst-
ständig pflegten und diesen Kunstzweig, welcher der Schule
später so großen Ruhm erringen sollte, mit Erfolg zur
Geltung brachtcn. 1837 siedelte Lasinsky nach Coblenz und
später von dort nach Köln über, wo er das Panorama der
Stadt malte. Er kehrte aber 1854 nach Düsseldorf zurück, um
dauernd hier zn bleiben. Seine Gemälde erinnern iu ge-
wisser Beziehung an die romamischen Landschaften Lessing's,
aus dessen erster Periode, ohne dadurch an Selbständigkeit
zu verlieren, und cine poetische Aukfassung verleiht ihnen bei
manchen Härten nnd einer ost unerfreulichen Herbheit den
sesielnden Reiz, dcn wir an so manchen Werken jüngercr
Künstler vermisscn. LasinSky ist den alten Traditionen treu
geblieben, und da er auch in technischer Hinsicht keine Fort-
schritte machte, so fanden scine spateren Bilder nicht die An-
erkennung, welche den früheren zu Theil geworden, was
äußersi verstimmend auf ihn wirkte. Wir nemien von seincn
Schöpsungen „Schloß Elz an der Mosel" (1831), den „Ober-
stein an der Nahe" (1834 und 1836) nnd den „Wachthurm im
Winter bei Mondbeleuchtnng" (1835), Lie sich sämmtlich dnrch
eine stimmungsvolle Wirknng anszeichnen, sowie den später
entstandenen Cyklus von großen Landschaften, der, im Auftrage
des Fürsten von Hohenzollern ansgeführt, Anstchten ans
deffen Erblanden zur Änschauung bringt.

Wilhelm Zahn, bekannt durch die von ihm heraus-
gegebene Sammlung pompejanischer Wandgemälde, starb am
22. August in Berlin 71 Jahre alt.

I)r. E. Pinder, als Nuniismatiker nicht ohne Verdienst,
zuleht vorlragender Rath iin preußischen Cultusministerinm
und Borsitzender des artistischen Sachverständigenvereins, dessen
Namen man mit dem eigenthümlichen Mangel an leitenden
Kräften in der öffentlichcn Kunstpflege Preußens in Berbin-
dung zu bringen Pflegte, ist am 30. Äugust gestorben. Ob die
vakanten Direktorialstellen an Museen und Kunstakademien
nun wohl besetzt werden?

Annj'tliteratur nnd Knnsthandkt.

L. 8. Kunstauktilmen. Die Firma Heberle in Köln
kündigt die Versteigerung von drei Gemäldesammlungen zum
9. Oktober an. Die bedeutendste nnd interessanteste derselben
ist die des verstorbenen Rentners Joh. Friedr. Fromm, 314
Nummern umfaffend. Das Verzeichiiiß ist alphabetisch, nicht
nach Schulen geordnet, was in vorliegendem Falle besonders
wünschenswerth gewesen wäre,, da der ehemalige Besitzer
nach bestimmten Richtungen hin, namentlich mit besonderer
Vorliebe altdeutsche Gemälde, sammelte und diese seinem
Kabinette einen besonderen Werth verliehen. Nächst den
altdeutschen Bildern, von denen ein ansehnlicher Theil der
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