Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

Seite: 18_151
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suchung durch deu jetzigen Konservator, Herrn von Huber, als
Fälschung erwieseu; sie ist bei dem Versuche, zu putzen, ver-
schwunden, und die Spuren ganz anderer Buchstaben haben
sich unter ihr gezeigt, Hiermit fällt die Annahme von
Holbein's Geburtsjahr, welche ich hierauf gegründet, und
dies ist als 1497 anzunehmen, Ebenso kann wohl die seit
Waagen nnd Passavant vorwiegende Ansicht, die in mehreren
Augsburger Gemälden Jugendarbeiten des jüngeren Hans
Holbein sah, nicht mehr aufrecht erhalten werdcn," Einem
späteren Schreiben desselben Herrn Korrespondenten ent-
nehmen wir, daß die Untersuchung in Gegenwart der Herren
His-Heusler aus Basel und Sesar vorgenommen wurde.
Die Schrift auf der zweiten Seite des Buches ging nach Be-
tupfen mit einem in Terpentin getauchten Pinsel ohne An-
wendung von Putzwasser nach und nach fort, Da sie über
den Retouche-Firniß gemalt war jso schrieb Hr, His-Heusler
an Prof. Wollmann), sei unzweideutig bewiesen, daß sie erst
bei der letzten (1854 durch den verstorbenen Eigner ausge-
führten) Restauration entstanden. Die erste Seite sei bei der
Untersuchung absichtlich unberührt geblieben, die Spuren der
früheren, aus anvern Buchstaben bestehenden Schrift seien nicht
zu entziffern, indem sie nur aus schwachen und dnrch breite
Farbenrisse unterbrochenen Spuren bestehen, jedenfalls stehe
aber in der untersten Zeile keine Zahl. — Soviel heute in
aller Kürze über diese wichtige Nachweisung, deren weitere
Konseqnenzen sür die Zugendgeschichte Holbein's und sür die
Beurtheilung seines Verhältnisses zu den Schöpfungen des
Vaters wir einem ausführlicheren Aufsatze vorbehalten,

Cin Bildniß Dürer's von Tizian. Herr Dr, O, Eisen-
mann, welcher gegenwärtig in Rom mit der Katalogisirung
der dreizehn dorligen, dem Publikum zugänglichen Gemälde-
sammlungen beschäftigt ist, berichtet uns über einen merk-
würdigen Fund, den er kürzlich in der Galerie des Palazzo
Spada gemacht, Folgendes: „Es ist ein männliches Bildniß,
das keinen Andern als Dürer und von keinem Geringeren
als Tizian gemalt aufweist, Es wird als Vermessenheit
erscheinen, in einem Raume, den ein Mündler, Burckhardt
u, A. vor mir durchwandert, eine solche Entdecknng machen
zn wollen, unb wer das Bild nicht selbst gesehen, wird ver-
sucht sein, die Achseln darüber zu zucken; aber wen ich von
kompetenten Personen hier vor das Bild gcführt, der war
nicht allein über das wunderbar schöne Werk an sich entzückt,
sondern gestand auch zu, daß damit kein Anderer gemeint sein
könne, als eben Dürer," Hoffentlich gelingt es dem geehrten
Herrn Korrespondenten bald, eine Abbildnng des Gemäldes
in Photographie oder Zeichnung anfertigen zu lassen.

* Franz Ruben in Wien stellte kürzlich in der dortigen
Akademie ein lebensgroßes Porträt aus, welches dnrch fdine
koloristische Haltung und Brillanz der Stoffmalerei bei den
Knnstfreundcn lebhaften Anklang fand, Es zeigt uns eine
jnnge Dame in schwarzer Kleidnng, auf einer Estrade stehend,
von der unser Blick im Hintergrunde auf dichte Banmgruppen
nnd in die Alleen eines im italienischen Villenstyl angelegten
Parkes fällt, Die würdevolle Ruhe der Auffassung, die zärte
Modellirung des Kopfes und der Hände, sowie die harmonische
Zusammenstimmung der Gestalt mit der landschustlichen Um-
gebung bekundeten von Neuem das tüchtige Vorwärtsstreben
des begabten jungen Künstlers.

X, Bildhaucr Carl Caucr in Kreuznach hat eine „Kassan-
dra" in Arbeit, die cin höchst werthvolles und durchgebildetes
Werk zu werden verspricht. Jn feinem faltenreichem Gewande,
die Arme erhoben, das Haupt zur Seite geneigt, den Ober-
körper etwas zurückgebogen, drückt die Figur die ganze Größe
des Schmerzes^ aus, den Kassandra in der Voräussicht des
unglücklichen L-chicksals von Troja empfindet, und in dem
Lorbeerhain, da man sonst ihre Prophetenstimme nicht hören
will, einsani ausklagt.

X, Deu im jüugstcn Kriege gefallenen Frankfurtern

soll in ihrer Vaterftadt ein passenbes Denkmat errichtet werden,
das zugleich die historischen Vorgänge der großen Zeit ver-
ewigt. Ein Komitä hat die Sammlungen für diesen Zweck
begonnen und wird, sobald 25,000 fl. beisammen sind, das
Ausschreiben für die Pläne erlassen.

^ Gustave Cvurbet, der einige Tage lang todt gemeldet,
dann aber wieder aufgefunden und mit andern Führern der
Pariser Coinmune gefangen nach Versailles gebracht wurde,
hat einen Brief an den Unterrichtsminister Jules Simon ge-
richtet, in welchem er seine politische Haltnng während der

Jnsurrektionszeit auseinandersetzt. Er giebt vor, in die
Commune eingetreten zu sein, nm die Pariser Kunstschätze
vor Unheil zu bewahren und erklärt, er würde aus diesem
rein künstlerischen Jnteresse ein Regierungsmandat selbst dann
angenommen haben, wenn bei der Wahl auch nur seine eigene
Stimme auf ihn gefallen wäre, Außerdem ist er bereit, die
umgestürzte VendSme-Säule auf seine Kosten wieder anfrichlen
zu lassen und will, um die dazu erforderliche Summe von
500,000 Franken zu beschaffen, die 200 Bilder, die er besitzt,
unter den Hammer bringen, Daß Conrbet eine Galene sein
Eigenthum nennen kann, ist uns etwas ganz Neues. Es
müssen also wohl seine eigenen Bilder gemeint sein. Und daß
diese den obigen Betrag nicht einbringen würden, liegt am
Tage, da sie doch ohne Zweifel größtentheils in die Gattnng
der „Krebse" gehören werden.

Urthcil zum Schutz des Oelfarbendrucks gegen un-
befugte Nachbildung. Kürzlich hatte das kgl, Bezirksgericht
Nürnberg über die Frage zu entscheiden, ob Oelfarbendruck-
bilder als Werke der Kunst zu betrachten seien, Eine Mün-
chener Kunsthandlung, die von einem Maler sich das Eigen-
thnms- und alleinige Vervielfältigungsrecht von zwei Oel-
gemälden erworben und nach diesen Kopien in Oelfarbendruck
haltc anfertigen lassen, erfuhr, daß ein Nürnberger Lithograph
unberechligie Nachbildungen dieser Oelfarbendrucke erzeuge und
verwerthe. Bor Verhandlung der Sache ging das Gericht
die Münchener Akademie der Künste um ein Gntachten an,
worin es heißt: „Die betreffenden Oelgemülde sind Kunstwerke
von originellem Werthe, und darum ist die Nachbildung, deren
Recht eine Kunsthandlung erworben hat, ihnen gleich zu achten
und gegen unbefugte Kopie zu fchntzen, wenn auch die Aus-
fllhrung selbst mehr Sache der Technik als der Kunst sein
sollte. Dem Kopisten gegenüber hat derOelfarbendruck An-
spruch auf kllnstlerische Äusführung." Das Gericht verur-
theilte den Angeschnldigten auf Grund dieses Gutachtens wegen
eines Vergehens gegen das Gesetz znm Schutze der Urheber-
schaft von literarischen Erzeugnissen und Werken der Kunst zu-
einer Geldstrafe von 100 Gulden.

Aus Tirol. Der Rnf unserer Glasmalereianstalt,
welche an Herrn Nenhäuser einen sehr tüchtigen technischen
Leiter besitzt, dringt in immer weitere Kreise, uiid sie verdient
ihn gewiß in jeder Beziehung. Das bestätigen zwei soeben
ausgestellte gothische Fenster von 22 Fuß HLHe und 4'/s Fnß
Brcite, welche fnr 'Nordamerika bestimmt sind, Die Zeichnnng
lieferte Architekt Schaden; anf jedem sind je zwei Heilige:
Kaiser Heinrich und Kunigunde, Laverius und Notburga.
Diese letztercn sind allerdings etwas schablonenhaft, sic er-
reichen nicht die Schönheit uud reine Empfindung, welche eine
Madonna Mader's aus einem ebenfalls ausgestellten neuen
Fenster adelt, Prachtvoll ist das goldige Kathedralroth, wel-
ches Hrn, Neuhäuser, der zu diesem Zwecke umfassende chemische
Studien machtc, herzustcllen gelang. — Die Glasmalerei
blühte übrigens schon früher in Tirol, Zu Hall bestand eine
Anstalt, welche gegen Ende des fllnfzehnten Jahrhunderts für
die Kirche des Ortes die Glasfenster lieferte, von denen noch
Theile erhalten stnd und ebcnfalls von Neuhäuser ergänzt
werden. Der Tiroler Künstler Defregger in München
ist damit beschäftigt, für sein Heimathsdorf ein heilige Familie
zn malen. — Ein hiesiges Blatt läßt einen Jammerschrei los
über die geringe Bezahlung, welche religiösen Künstlern zu
Theil wird. Diejenigen, die etwas könuen, beftnden sich
übrigens bei uns gar nicht so schlecht, die dnrchschnittlichen
„Tuifelemaler und Herrgottsfabrikanten" wollen freilich auch
leben; nun, sie sollen das als Handwerker thnn, wenn sie
es als Künstler nicht vermögen,

H, Düsseldorf. Wir haben unserer Mittheilung über
das großeGemätde von Rnbens „Die Himmelfahrt Mariä"
in hiesiger Galerie (in No. 17 d, Bl.) nachträglich einige Be-
richtigungen hinzuzufügen, Durch die Kälte des verflossenen
Winters und Frühjahrs ist der Sprung allerdings wieder
zusammen gegangen. aber nun hat er sich leider stellenweise
und gerade in dem Kopf der Madonna so scharf znsammen-
geklemmt, daß die Farbe in die HLHe gedrängt worden ist
und zu der Befürchtung veranlaßt, daß sie ab-und ausgesprengt
werden könnte, Die erforderliche Restauration, die bereits
angeordnet wurde, ist eine sehr umständliche und kostspielige,
und es kann sür deren Gelingen bei den kolossalen Dimcn-
stonen und der Schwere und Stärke der Tafel keinerlei Garantie
geleistet werden.
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