Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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ihre Kinder zu erübrigen. Wenn sie dann nach gut alt-
deutscher Weise am Spinnrade saß, mußten wir Knaben,
sobald die Fassungskraft einigermaßen erwacht war, neben
ihr sitzen, um den ersten Untericht im Buchstabiren und
Lesen zu empfangen. Als mein Bruder das schulpflichtige
Alter erreicht hatte, besuchte er zuerst eine der damaligen
Quartierschulen, später noch einige Jahre die Weißfrauen-
schule. Zeichnen war seine Lieblingsbeschäftigung von
früher Jugend an; auch mit Papparbeiten beschäftigte er
sich gerne und zeigte darin viel Geschick. Seine Zeichnungen
sowohl, als auch die mit großer Genauigkeit gefertigten geo-
metrischen Körper zum Behufe der Ausstellung bei der
Schulprüfung wurden von den Lehrern nicht selten den
llbrigen Schülern als Muster vorgestellt. Auch in dem
Zeichensinstitut des H. Major Reges, welches mein
Bruder besuchte, zeichnete er sich vor seinen Mitschülern
aus und trug bei der öffentlichen Prämienvertheilung
manchen Siegespreis davon.

Aus dieser Zeit rühren auch mehrere größere Arbeiten
meines Bruders her, die er als Zeichen dankbarer Liebe
und Verehrung für obenerwähnten Prof. Brassart und
den würdigen Geistlichen, der ihn konfirmirt hatte, fertigte.
Zunächst zwei Kopien von Altargemälden: den heil. Leon-
hardus in der St. Leonhardskirche dahier und die h.
Magdalena, ein Altarbild in einer Seitenkapelle des
hiesigen Domes, ferner eine Kreuzabnahme Christi. Oft
erzählte er noch in späteren Jahren, welche feierliche Stim-
mung das Alleinsein in den weiten Hallen des Domes in
ihm erweckt habe, wo er oft halbe Tage eingeschlossen in
lautloser Stille bis zur einbrechenden Dämmerung ge
arbeitet, bis der eintretende Küster ihm die Ausgangs-
pforte wieder geöffnet. Und wie diese Arbeiten an geweihter
Stätte in ihm selbst die Liebe zur Kunst immer mächtiger
entflammten, so waren sie auch für die, welche einigen
Antheil an seiner Lebensführung nahmen, lautredende
Zeugnisse seines Künstlerberufes."

Jm Juni 1818 wurde S. als Schüler des Städel'-
schen Jnstitutes aufgenommen und dem Unterricht des
Kupferstechers Ulmer zugewiesen, der sich zwei Jahre
später entleibte. Schäffer kopirte unter ihm Verschiedenes
nach Kupferstichen mit der Feder und machte seine
ersten Versuche im Stechen an einem der Amoren von
Raffael's Galathea, nach Goltzius. Schon früher war
sein Sehnen nach München gerichtet, und denkwürdig für
immer blieb ihm der 10. Mai des Jahres 1821, als der
Tag seiner Abreise nach diesem Glanz- und Mittelpunkte
dentschen Kunstlebens. Aber bald wird er unzufrieden
mit der Art und Weise, wie er auf dortiger Akademie
unter Langerseinen Studien obliegen sollte; denn Kupfer-
stiche mit der Feder kopiren, das hatte er schon in
Frankfurt gethan. Schäffer zog sich auf sich selbst zurück.
Er fertigte eine höchst sorgfältige und feine Zeichnung
von dem Kopfe des fremden Kaufmannes auf Overbeck's

Karton „der Verkauf Josephs", und als sein Freund, der
Kupferstecher Nic. Hoff auf seiner Reise nach Jtalien
durch München kam, hattc Schäffer den Stich bereits
vollendet und gab ihm zwei Abdrücke, einen für Overbeck.
Dieser war bei dem Anblicke desselben auf's freudigste
überrascht.

Während der Iahre 1824 — 26 lebte Schäffer in
Düsseldorf, war Schüler des Cornelius und führte unter
dessen Leitung den Stich zu Dante's Paradies aus, der
ihm schon einen gewissen Ruf verlieh; unstreitig ist dieses
Blatt auch eines seiner vollendetsten. Betrachtet man da-
neben den nicht ganz fertigen Kopf des Niebuhr, welchen
er auch in dieser Zeit gestochen, (die Platte ist leider ver-
loren gegangen) so erstaunt man über die Lebendigkeit
des Ausdrucks, die Schärfe der Charakteristik, die vollendete
Meisterschaft der Zeichnung und wird unwillkürlich an
Canova's Ausspruch erinnert: „Mit der Zeit kann man
wohl mehr Freiheit in der Kunst gewinnen, mehr Kennt-
nisse in der Malerei und mehr Geschicklichkeit im Allge-
meinen, aber nicht mehr Originalität und Entwicklung
des Genies. Die Figur der Sanftmuth am Grabmal des
Ganganelli war eines meiner ersten Werke, und ich weiß
zur Stunde noch nicht, ob ich in den spätern dreißig
Jahren etwas Besseres hervorbringen lernte." Auch wir
bekennen offen, nichl zu wissen, ob der Verstorbene etwas
Besseres leistete im späteren Leben als jene Werke des
Jünglings. Jn Düsseldorf wurde schon die Zeichnung
für die Platte zur „Unterwelt" vollendet, worauf auch wohl
ein Brief von Kaulbach anspielt, geschrieben im Oktober
1868, dessen Anfang lautet: „Mein alter Freund!
Deine beiden Briefe mit den Kupferstichen habe ich er-
halten, und ich werde durch dieselben lebhaft an die Tage
erinnert, als wir Beide noch im Flügelkleide über die
Düsseldorfer Fluren flatterten und unseren Jdealen nach-
strebten, Beide freilich sehr verschieden, da Du damals fast
nur mit der Unterwelt in Berührung standest, während ich
mich sehr im Realen auf der oberen Erdrinde bewegte." —
An dem vortrefflichen Stiche dieses Blattes arbeitete
Schäffer in München nach seiner Rückkehr, die im Früh-
jahr 1826 erfolgte, zu welcher Zeit Cornelius mit andern
Schülern in dieser Stadt sich niederließ, nachdem seine
Ernennung zum Direktor der Akademie daselbst stattge-
funden hatte.

Es scheint, Schäffer hatte es damals auf eine Wieder-
gabe der sämmtlichen Glyptothek-Kartons abgesehen: ein
großes Unternehmen, das eben wohl verdient hätte, eine
so herrlich dafür befähigte Kraft dauernd zu fesseln.
Aeußerte doch Cornelius in späteren Jahren gesprächs-
weise und grade in Bezug auf diese Arbeiten, daß seit den
Tagen Marc-Anton's im ganzen Gebiete der Kupferstecher-
kunst in dieser Weise nichts Aehnliches geleistet worden sei.
Vollendet wurde nur diese „Unterwelt." Jn Schäffer's
Auftrag stach Merz zu Anfang des Jahres 30 an der
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