Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Die Frühlingsausstellung in der Academy of Design,
welche seit den letzten Wochen offen ist, enthält 400
Nnmmern, diesmal sämmtlich Werke hiesiger Künstler.
Wie immer sind die Landschaften am zahlreichsten ver-
treten, wie auch die bessern Werke fast alle diesem Fach
angehören. Die Klage, daß gerade die hervorragendsten
Künstler sich von der Ausstellung fern halten, und somit
an dem geringen Erfolge der letzten Jahre gewisser-
maßen Sckuld sind, läßt sich diesmal nicht erheben;
wenigstens sind die meisten in einem oder ein paar Bildern
repräsentirt. Vor Allen ist eine herrliche Landschaft von
Bierstadt: „Jn der Sierra Nevada", hervorzuheben.
Ein klarer grüner Fluß im Vordergrund, hinter dem sich
die gewaltigen, halb vonWolken verschleierten Berggipfel
erheben. Zur Linken, am Ilfer befindet sich eine prächtige
Baumgruppe, hell von der Sonne beleuchtet. Die andere
Seite zeigt im Mittelgrund Felsen, vor diesen eiu flaches
Ufer, ebenfalls mit Bäumen bedeckt, die sich aus dem
Wasserspiegel zu erheben scheinen. Die Ausführung ist
brillant schön. Eine großartige Ruhe und Heiterkeit,
eine unbeschreibliche Frische und Anmuth treten dem Be-
schauer darin unwiderstehlich anziehend entgegen. Es ist
das Leben, der Geist jener großartigen Natur selbst, was
Einen darin anweht. Vorzüglich wirksam ist der Kontrast
zwischen den kahlen ungeheuern Felsengipfeln und der
lachenden Frische der Begetation am Ufer. Es ist unbe-
stritten der Glanzpunkt der Ausstellunz. Ein anderes
Bild von Bierstadt stellt einen brennenden Wallfischfänger
auf der See dar. Es wird hier ein doppelter Lichteffekt
geboten; während die nächste Umgebung des Schiffes, die
Mannschaft, welche sich in die Böte geflüchtet hat, das
Wasser und der Himmel im rothen Feuerschein glänzen,
spiegelt sich in einiger Entfernung der Mond in dem
ruhigen blauen Meeresspiegel, die tiefste Ruhe neben dem
höchsten Aufruhr. Auch dies Bild ist in seiner Art ein
Meisterwerk, wenn es auch seiner Anlage nach nicht den
Zauber des andern üben kann, zu dem man sich immer
wieder von Neuem unwiderstehlich hingezogeu fühlt. Eine
große anspruchsvolle Landschaft von William Hart,
ist „die goldene Stunde" genannt. Der Moment ist
gewählt, wo die Abendsonne alle Gegenstände mit
eincm gvldigen Schein übergießt. Sichtlich versprach
der Künstler sich davon eine große Wirkung, verfiel
aber auf das allerunglücklichste Mittel, diese hervorzu-
bringen. Das ganze Bild ist grell, hart und einförmig
gelb, wie eine Gegend, die man durch gefärbtes Glas be-
trachtet, und die Effekthascherei so handgreiflich, daß sie
nur einen unangenehmen Eindruck hervorbringt. Die
Unfähigkeit der meisten amerikanischen Maler, in der Be-
handlungdes einfachenTageslichtes einemalerischeWirkung
hervorzubringen, verleitet sie häufig, ihre Zuflucht zu
allerhand gesuchten und gekünstelten Betrachtungen zu
nehmen, und wenn sie einmal mit einem solchen Experiment

Beifall gefunden, dasselbe zu wiederholen, bis es zur
stereotypen Manier wird, an der man sie schon aus weiter
Ferne erkennt. S. R. Gifford, dem es keineswegs
an künstlerischer Befähigung mangelt, bringt auf allen
seinen Bildern denselben Dunst, durch welchen die Soune
mit gelbem Schein dringt. Eine Ansicht des St. Marcus-
Domes, so wie „Fischerböte auf dem adriatischen Meer"
gleichen einander in dieser Hinsicht auf ein Haar. Eine
sonst recht lobenswerthe Winterlandschaft von James M.
Hart, so wie einige englische Gcgenden von Kensett
leiden dagegen an auffallendem Lichtmangel, den man sich
zuletzt, als das geringere Uebel, lieber als jene Effekt-
hascherei gefallen läßt. Außerdem ist noch ein Sonnen-
untergang auf der See von de Haas zu erwähnen, so
wie einige Landschaften von L. Smith, Shattuck,
Krusemann van Elten und Mc Entee.

Die Historienmalerei ist, wie gewöhnlich, dem Gehalt
wie der Zahl nach, nur dürftig vertreten. Am meisten
besprochen — freilich nichts weniger als rühmend —
wird ein Christus von William Page, dem gegenwärtigen
Präsidenten der Akademie. Hier handelt es sich nicht
um verschiedene Ansichten, um GeschmackundKunstrichtung;
man hört nur den Aufschrei des Entsetzens und der Ver-
wunderung, wie ein Künstler, der doch manches Tüchtige
geleistet, ein solches Schreckbild in die Welt setzen konnte,
an dem er, wie das Gerücht sagt, geraume Zeit gearbeitet
haben soll. Welche Ansprüche man vom religiösen Stand-
punkte aus an einen Christus stellen mag, kommt dabei gar
nicht in Frage, denn dies Jndividuum mit der fuchsrothen
Perrücke, dem angeklebten, gelb, roth und grün schillernden
Theaterbart, den aufgerissenen ausdruckslosen Augen und
den dicken Kirschenlippen könnte noch nicht einmal als das
Porträt irgend eines fremden, unbedeutenden Menschen
vor der Kritik Gnade finden. Es ist eine Jllustration
trostloser Selbsttäuschung und Geschmacksverirrung, die
keineswegs aus Ilnfähigkeit entspringt, denn ein wohl-
getroffenes Porträt des Redners Wendell Phillips
von demselben Künstler gehört zu den gelungenern Leistun-
gen in diesem Fach. Noch einen Christus, von Carter,
und eine Empfängniß, von Virgilia Tojetti sind zwei
Bilder, die man kaum bemerken würde, wenn ihre Größe
nicht ihre anspruchsvolle Nichtsnutzigkeit auffallend machte.
Eine andere Mißgeburt ist ein Fiesole, der den göttlichen
Beistand für sein Werk anruft, von Edwin White. Die-
ser Maler, der vor einer Reihe von Jahren zu bessern
Erwartungen berechtigte, hat sich offenbar Fiesole selbst
zum Vorbild genommen, bringt es aber, da ihm begreiflich
die naive Jnbrunst desselben fehlt, bei sehr mangelhafter
Technik nicht über eine affektirte, verzückte nnd verhim-
melnde Verzerrung hinaus, die nur widerwärtig wirkt.
Eine Tochter Jephta's mit ihren Gefährtinnen, von Louis
Lang, ist ein fleißig ausgeführtes Bild, das ein ernstes,
lobenswerthes Streben bekundet, aber zuletzt doch den
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