Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 24.1889

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Aus Berliner Kunstausstellungen.

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vom Ende des 13. Jahrhunderts befindet sich auf
einem Seitenaltar: der Kopf Johannes des Täusers,
auf einem blutbefleckten Brett, ein Meisterstück, das
unbedingt cinem Mnseum einverleibt wcrden sollte.

Leider ist ein Wandgemälde dnrch eine darüber
ungebrachte Kanzel, ein anderes durch ein ncuerdings
durchgebrochcncs Fenster zerstört — Vandalismns.
Leider hat man auch die altgotischen Fenster moder-
nisirt — nur eins ist in seiner gotischen Nrsprünglich-
keit erhalten.

Wic eine Jnschrift besagt, wurdc die Kirche 1563
don Christoph, Kardinalbischof von St. Albano, Bischof
don Trient, Administrator des Bistums Brixen, re-
Uovirt. Er hat, um die ungeschickte und geschmacklose
Renovirung ja recht augenfällig zu machen, sein Wappen
an die Wand malen lassen und dadurch ebenfalls ein
Bild zerstört.

Noch sind bemerkenswert ein paar Altarleuchter,
die man in die Rumpelkammer geworfen hat, Holz-
arbeit aus dem 15. Jahrhundert.

Alles in allem bictet die Kirche trcfsliches Ma-
terial zur Kunstforschung: einen ursprünglichen Quell,
"us dem gut schöpsen. Es wäre interessant, die alten
„raytungen" und „Handwerkbücher" welche jedenfalls
im Archiv zu Brixen (Brixen besaß Schloß Veldes
als Filiale, zn diesem gehört St. Johann) verstänben,
hervorzusuchen, unc die Namen der höchst achtbaren
Künstler zu erfahren, die am Schmuck der Johannis-
kirche betciligt gewesen sind.

Jmmerhin ist die Kirche auch so der größten
Beachtung wert, und es wäre zu wünschen, daß die
Schäden, die Unberufene verursacht, ausgemerzt würden.

Aus Berliner Aunstausstellungen.

Bei den ausgedehnten Geschäftsverbindungen der
^unsthandlnng von Eduard Schulte in Düsseldorf
tst es den Jnhabern leicht, auch ihre Berliner Filiale,
tvelche während der kurzen Zeit ihres Bestehens einen
»euen Anfschwung in das Ausstellnngswesen der
Reichshauptstadt gebracht hat, in ununterbrochener
Folge mit immer neuen Schöpfungen der zeitgenössischen
Dialerei zu versorgen. Wenn dabei auch Düsseldorf,
Diünchen und Berlin in den Vordergrund treten und
der Schulteschen Ausstellung das Gepräge geben, so
sindet doch auch das Ausland, insbesondere Österreich
»»d Jtalien, eine liebevolle Berücksichtigung. So
Vslegen wir bei Schulte den neuesten Arbeiten von
von Blaas und Passini zu begegnen, und gegen-
tvärtig haben wir auch den Vorzug, eines der letzten
^ilder des jüngst verstorbenen August von Petten-
kofen zu sehen, welcher sich unseres Wissens persönlich

niemals an Berliner Ausstellungen beteiligt hat, weil
ihm das ganze moderne Ausstellungswesen verhaßt
war. Es ist ein Kücheninterienr mit schlichtem Gerät
und einer vom Rücken gesehenen, sitzenden Frau, die
mit einer Näharbeit beschästigt ist, zu welcher ihr ein
aus erhöhtem Fenster einfallendes Tageslicht karge
Beleuchtung gewährt. Der Reiz liegt in der Wirkung
dieses Lichtes aus dic Gegenstände des Jnnenraums
und die Figur sowie in der snbtilen Vollendung aller
Einzelheiten, welche in einen gleichmäßigen, gclbbraunen,
metallisch glänzenden Ton getaucht sind. Das Bild
liefert den erfreulichen Beweis, daß Pettenkofen, der
als hoher Sechziger starb, noch bis in dic letzte Zeit
hinein um die feinere Ausbildung seines malerischen
Stils eifrig bcniüht war. Da Andreas und Oswald
Achenbach ihre nenesten Schöpfungen ausschließlich
durchdieGebrüderSchultedemPubliknm zuerstzugäng-
lich machen, ist schon allein durch sie dafür gesorgt, daß die
Ausstellungsräume Unter den Linden 4 a den Reiz be-
ständigenWechsels bieten. Jnsbesondere istdieSchasfens-
kraft Oswald Achenbachs so elastisch, daß sein Name aus
dem viel von Künstlern umworbenen Aushängeschild
der Schulteschen Ansstellung nicht verschwindet. Die
Bilder kommen so frisch von der Staffelei, daß sie oft
in stark eingeschlagenem Zustande gezeigt werden müssen,
an welchem man mit Vorbedacht nichts ändern mag,
weil man nicht weiß, ob vielleicht nicht gar das Gegen-
spiel von stumpfen und glänzenden Flächen im kolo-
ristischen System des Meisters eine gewisse Bedeutung
hat. Aus dem gegenwärtigen Bestand der Ausstellung
heben wir die Bilder: „Blick in die Campagna von
Albano aus", „Die Berge von Aquino" und das
„Blumenfest von Genzano" hervor. Letzteres, gemalt
in diesem Jahre, ein Blick auf die mit einem Blumen-
teppich bedeckte Hauptstraße und auf die Kirche am
Ende derselben, aus deren Portal eine Prozession
heraustritt, darf den vorzüglichsten Schöpfnngen des
Meisters an die Seite gestellt werden, sowohl hin-
sichtlich der plastischen Wirkung der Figuren als der
köstlichen Harmonie des aus den buntesten Blumen
zusammengestellten Farbenbouquets. Es wäre eine
Unwahrheit, einer Antithese zn liebe, wenn man be-
haupten wollte, daß das Schaffen Oswald Achenbachs
in dem Maße an Tiefe und Jnhalt verliert, als es
in die Breite geht. Seine Hand und sein Gedächtnis
müssen von unfehlbarer Sicherheit sein, da es ihm
gelingt, anscheinend alla prirna Ton neben Ton zu
setzen und aus dieser Mosaikarbeit doch ein harmonisches,
fast immer anziehendes Gesamtbild zusammenzuweben.

Zu den Eigentümlichkeiten der Schulteschen Kunst-
ausstellung gehört es auch, daß die Besitzer es ver-
stehen, gelegcntlich ältere Schöpfungen neuerer Meister,
welche bereits derKunstgeschichte angehören, aus langer
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