Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Kunstgewerbliches aus ktünchen.

Von 1s. <L. v. Berlepsch.

„Es heißt, die Renaissance solle demnächst
wieder aus der Mode kommen", so driickt sich
P. F. Krell in seiner tüchtigen Arbeit über
„das Münchener Kunstgewerbe zu Ende des
Jahres 1884" aus, nachdem die vielseitigen
Fortschritte genannt, das feste und immer festere
Wurzelschlagen jener Richtung, die als zu „Un-
serer Väter Werke" parallel laufend bezeichnet
wird, konstatirt ist. Mitten in den Jubel über
unser aus dem Schoße der Nation (äivitnr!)
wiedergeborenes Kunsthandwerk, das uns einen
Dürer, Holbein, Jost Ammann, Virgil Solis,
Aldegrever, Beham und die ganze Kolonne jener
aus sich selbst herausgewachsenen, nicht durch
Adoptiruug x-beliebiger Formen großen uud
sür ihre uud spätere Zeiten ausschlaggebenden
Küustler nnedererwcckt hat, mitteu in dieseu
Jubel hinein ertöut ein Kassandraruf: „Die
Renaissance komme aus der Mode." — Ja,
wenn die Renaissance allerdings nur eiue Mode
war, dann verdient sie anch nichts anderes,
als daß sie wieder aus der Mode komme. Krell

fährt dann fort, „-das hieße soviel, als

ein aus der Zeit herausgewachsener Stil, der
von ihr in Begeisterung geboren und mit Liebe
großgezogen worden, der sich eben anschickte,
aus seineu Lehrjahren herauszutreten und zu
reiferen Schöpfungen überzugeheu, dieser Stil
soll einfach beiseite gelegt werden. Mit ironisch
blasirtem Lächeln blickt über das Gehege, mit
welchem die uene deutsche Stilweise ihr Gebiet
zu ungestörtem Wirken umgiebt, das gepuderte
Haupt des Nococo".

Schanen wir uns die Sache etwas näher an.

Bald ist ein Jahrzehnt verstossen, seitdem
der Münchener Kunstgewerbeverein sein fünf-
undzwanzigjähriges Bestehen durch eine all-
gemeine deutsche Kunst- uud Kunstgewerbeaus-

stetlung feierte. Ob's die meisten gewußt oder
geahnt, daß diese Ausstellung ein entschieden
ausschlaggebendes Resultat in die Wagschale
des Geschmacks, der Richtung unserer Zeit werfen
werde, vermag ich nicht zu sagen, aber ich glaube
es nicht. Allerdings hattenLeute wieGedon,Seitz,
Gnauth, Seder, Swertschkoff und andere bereits
mit klarer Erkenntnis auf ein bestimmtes Ziel
losgearbeitet. Dabei darf denn aber auch nicht
vergessen werden, daß die österreichische Kunst-
industrie bereits auf der Wiener Weltausstel-
lung in einer Art und Weise vertreten war,
die das Beschreiten eines parallel laufendeu
Pfades seitens der in München Gleiches anstre-
benden Männer wesentlich erleichterte, daß
auch auderswv das Kunstgewerbe mit volleic
Segeln auf dem Meere der Renaissance sich
tummelte; man eriunert sich vielleicht an die
reizenden Kassetten von Battista Gatti iu Rom,
an die originellen Theeservices von Christenseu
in Kopenhagen, an Renaissanceuhren von Ha-
nusch und Dziedzinski in Wien, an textile
Leistuugen von Haas in Wien, an den reizen-
den Majolikabrunneu von Valentin Teirich,
au Bronzewaren aus der Fabrik Elkington L
Co. in Birmingham, an Stosfe von Giani in
Wieu, an Musterwebereieu von Engelhard in
Mannheim nach Entwürfen von Fischbach, an
Lobmeyrsche Glasprodukte, an Möbel von
Roudillon in Paris, an Emaillen von Pottier,
an jene reizenden Silberkannen mit Email-
malerei von Ratzersdorfer in Wien und an
hunderte von anderen Namen in und außer
Deutschland, die schou damals durchans den
Formen der Renaissance huldigten, — man er-
innert sich vielleicht noch an die Bestrebungen
eines Stork, eines Falke, dessen „Kunst im
Hause" 1873 bereits die zweite Auflage er-
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