Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Hrsg.]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 27.1917

Seite: 285
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Mrttelalterliche Wandgemälde aus dem Großherzogtum Heffen.

reude an mittelalterlicher Kunst und Verständnis
für ihre Eigenart sind heute im Wachsen. Die
Tage des Materialismus gingen vorüber. Von der
Überschätzung naturwissenschastlicher Erkenntnis
wandte sich die philosophische Betrachtung neuidea-
listischen Aufsassungen zu. Dem Sein der Dinge gegen-
über wird wieder mehr ihr Wert betont. Die Seele be-
sinnt sich auf die Kräfte der Religion. Und die Kunst
will nicht mehr nur ein momentanes Bild der Wirklich-
keit sesthalten, nur einen Eindruck wiedergeben. Der
Jmprcssionismus weicht einer neuen Ausdruckskunst,
welche über den inneren, geistig erschauten Kern der
Dinge etwas auszusagen sich bemüht. Diese Richtung
fühlt, teils bewußt, teils unbewußt, eine Hinneigung zur
Kunst des MittelalterS. Selbstverständlich — wenigstens
für den ernsthaften Künstler — nicht so, als ob etwas
nachgeahmt werden sollte, was unter ganz andern
Kulturbedingungen erwuchs. Aber doch so, daß bei
der Ausschau nach neuen Stilmöglichkeiten die geheimc
Verwandtschaft empsunden wird, welche modernes
Streben mit dcm Kunstwollen des Mittelalters verbindet.

Auch die Romantiker hatten eine Neigung zum
Mittelalter, sie äußerte sich aber mehr un Gegenständ-
lichen und in gewissen Stimmungswerten. Den heutigen
künstlerisch empfindenden Menschen zieht ungleich stärker
als den Romantiker der mittelalterliche Stil als solcher
an nüt seiner merkwürdig gesteigerten Ausdrucksfähig-
keit für seelisches Erleben.

So sinden Entdeckungen und Erforschungen nüttel-
alterlicher Kuitstwerke ein besonderS reges Jnteresse.
Auf dieses konnte auch die Ausstellung zählen, welche

im Sommer d. I. in Darmstadt Nachbildungen nüttel-
alterlicher Wandmalereien aus hessischem Gebiet zeigte.
Das Verdienst dieser Veranstaltung gebührt Herrn
Prosessor Anthes, dem Vorstand des hessischen Denkmal-
archivs, dessen Bestanden die Nachbildungen entnommen
waren. Dieselben sind vor jeder Wiederherstellung oder
Ergänzung der Originale gemacht, meist originalgroß
und wie in allen Beziehungen so auch in der Wieder-
gabe der Farbe mustergültig. Sie wurden nach den
von Universitätsprofessor Geheimrat Kautzsch aufgestell-
ten Grundsatzen unter Leitung der Denkmalpfleger Pro-
fessor Walbe und Professor Meißner nach einem be-
sonderen neuen Verfahren hergestellt, das in bisher
unerreichter Weise die Treue der Ausnahme gewähr-
leistet. Die Ausführung lag hauptsächlich in den Händen
des Malers H. Velte. Bei der Erössnung der Ausstellung
gab der Museumsdircktor Geheimrat Back einen kcuist-
historischen Überblick; seincn Änregungen ist der vor-
liegende Aufsatz dankbar gefolgt H.

Mancher Besucher hat nrit Staunen in der Ausstellung
erst erfahren, wie reich die mittelrheinische Gegend an
Wandgemälden des 14. bis 16. Jahrhunderts gewesen
sein muß. Eine große Anzahl gerade der schönsten und
bedeutendsten dieser Malereien ist innerhalb des letzten
Jahrzehnts aufgesunden und freigelegt worden. Ein
wichtiges Material, Genuß und vielerlei Anregung
bietend für jeden Freund alter, insonderheit nüttel-
rheinischer Kunst!

*) Für die Erlaubnls zur Veröffentlichmuz der Abdllduugen
sei dem Dorstand des Denkmalarchivs und der Dlrektlon des
Landesmuseums ln Darmstadt besonders gedankt.


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