Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

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BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 5.

worden. (Seit kurzer Zeit ist dieses Bild aus
der Wiener Galerie entfernt.)

Statt Vinckboons finden wir aber einen
höchst seltenen, etwas altertümlichen Meister
dort, der freilich ungefähr um eine Generation
später lebte als Vinckboons und Keirincx.
Jan Goedaert heißt der Maler, der in seiner
Art das Weiterschreiten von der stilvollen
älteren Auffassung zur realistischen neueren
Art markiert. In den Handbüchern finde ich
ihn nirgends erwähnt, und er gehört zu den
vielen Namen, die in einem neuen Lexikon
für niederländische Kunst fehlen. Dagegen
nennen ihn ältere Bücher und Kataloge, und
im „Album der Natur“ von 1877 ist ihm
sogar eine kleine Monographie gewidmet. Aus
dieser teilte A. Bredius unter Beifügung
eigener Beobachtungen 1881 im Nederlandschen
Kunstbode (S. 61 f.) das mit, was von kunst-
geschichtlichem Belang ist. Bredius charak-
terisiert das Gemälde und die Zeichnung, die
sich in den Sammlungen Marcuard und
Liphart befunden haben und die signiert sind:
Joannes Goedaert und Jan Goedaert. Auch
geht er auf Goedaerts Werk ein, das als Meta-
morphose naturalis von 1662 bis 1669 zu
Middelburg erschienen ist. Middelburg war
Goedaerts Vaterstadt. Dort ist er 1620 ge-
boren. Er beschäftigte sich nicht nur mit
Malerei, sondern lebhaft auch mit natur-
wissenschaftlichen Studien, ja es scheint, sogar
hauptsächlich mit diesen. Insektenkunde,
Entomologie, war sein Hauptfach. Davon er-
zählt auch Monconnys in seinen Reisen.’1')
Monconnys erwähnt schließlich auch von
Goedaert: „II est fort bon peintre en paisages,
en insectes et en fleurs.“ Im Schildersregister
von J. Sysmus wird Jan Goedaert als guter
Vogelmaler in aller Kürze erwähnt („Oud
Holland“, VIII, S. 221). Der Künstler wurde
am 15. Jänner 1668 zu Middelburg begraben
(nach Bredius in Obreens Archief, VI, S. 404).
Des Piles und Van Gool kennen den Namen.
Ein „Godaert, flamand, nee k Anvers“, der
bei Burtin erwähnt wird, ist ein anderer und
zwar ein späterer Maler, denn das Werk, das
von ihm vorkommt, war eine Kopie nach
Jan van der Heyden (1637 bis 1712), einem
Künstler, der wohl vor dem Tode des Middel-
burger Goedaert (vor 1668) noch nicht genug
Ruf besaß, um kopiert zu werden.*) **) Vom
älteren Jan Goedaert aus Middelburg befand
sich eine gute Zeichnung, eine Landschaft, in
der Sammlung Habich zu Kassel. Das Ge-

*) Hiezu: „Nederlandsche Kunstbode“, II (1880),
S. 404 (A. Bredius).

**) Versteigerung im Jardin St. Georges zu
Brüssel, 17. Juli 1776. Vergl. (Burtin): „Catalogue de
tableaux vendus ä Bruxelles depuis l’annee i773“>
S. in. Zu Kramms Mitteilungen über Goedaert ver-
gleiche Bredius im Ned. Kunstbode,

mälde der Galerie Liechtenstein zu
Wien ist bisher wenig beachtet und in den
Falkeschen Katalogen von 1873 und 1885
übergangen worden. Es sei nun in aller
Kürze charakterisiert.

Eine weite Ebene mit Dörfchen, Ge-
höften, verstreuten Baumreihen und einigen
Landstraßen wird in der Ferne von Hügel-
reihen begrenzt. Gegen vorne rechts ein sanft-
ansteigender Hügel, auf dem ein zweiteiliges
Bauernhaus mit steilen Strohdächern bemerkt
wird. Dahinter Gruppe hoher Laubbäume.
Weiter vorne ganz rechts dürre Baumstämme.
Ganz vorne rechts eine grüne Klettenpflanze.
Auf der Straße, unfern des Hauses Hühner,
die zu groß geraten sind. Vorne bei einer
großen Lache zwei Enten.

Links nach dem Mittelgründe zu schreitet
auf der Straße eine Bauersfrau, die einen
Wäschekorb trägt. Noch mehrere, aber kleinere
Figürchen rechts nahe dem Bauernhause.
Himmel zum Teil mit Cumuluswolken bedeckt.
Vordere Gründe bräunlich, von sehr warmem
Stich. Die mittleren Gründe grünlich bis zur
bläulich weißen Ferne. Es sind die bekannten
drei Töne der älteren flandrischen Landschaft.
Die Behandlung der Einzelheiten ist etwas
hart und peinlich. Die Bäume sind noch
halb stilisiert. Bei alledem eine Art Sommer-
stimmung.

Die Signatur steht links unten und
lautet: „Joh : goedaert“ (lateinische Halb-
kursive). (Br. 65 cm, H. 45 cm; Eichenholz.)
Nach dem bloßen Ansehen würde man eher
an die flandrische Malerei gegen 1630 erinnert,
als an die holländische Kunst um 1650. Bre-
dius hat auch an dem Gemälde der Sammlung
Marcuard die flandrische Beimischung be-
merkt. Der Zusammenhang dürfte ungefähr
der sein, daß Goedaert durch seine Neigung
zu naturwissenschaftlicher Betrachtung der
Landschaft aufs Einzelne mehr Gewicht legte
als die führenden Pinsel seiner Zeit, etwa ein
Vroom in Haarlem und ein Ruisdael, erst zu
Haarlem, später zu Amsterdam, die mehr auf
den Gesamteindruck losgingen und schon
recht eigentliche Stimmungsmaler waren.
Dann ist auch Middelburg nicht der Ort ge-
wesen, wo Goedaert direkten Verkehr mit den
Vertretern der realistischen Richtung pflegen
konnte. Er hielt eben in Middelburg länger an
der noch vlaamisch gearteten Landschaft fest,
als er es wohl im Haag, in Amsterdam, in
Haarlem getan haben würde.

Beiseite jedoch die Vermutungen. Halten
wir uns an das Faktum, daß noch um die
Mitte des 17. Jahrhunderts in Middelburg ein
Landschaftsmaler tätig war, der in zäher
Weise an der flandrischen Landschafts-
auffassung festhielt und eine Übergangsstufe
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