Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

Page: 164
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164

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 9.

ctc. [f. etc. etwa = fruntlichen grus zu
ergänzen.]

Daß der Bruder Dordrecht im
heutigen Holland als mutmaßlichen
Aufenthaltsort des Dirk angibt, kann
nicht befremden, denn über diesen seit
alters bedeutenden Seehafen ging ein
Teil des Warenverkehrs der rheinischen
Städte mit London. Es mag daher
häufig vorgekommen sein, daß Dirk
sich in Geschäften dort aufhielt.

Erhebliche Schwierigkeit verursacht
die Entzifferung der Aufschrift auf dem
zweiten, scheinbar zur Abfertigung be-
reit liegenden Brief, da an dieser Stelle
das Bild gelitten hat, und die Schrift
wie verblaßt erscheint. Ich lese:

An den ersam eeren*) |j Tybys toe
Knenop (?) scrif || myn grus.

Der Ortsname dürfte kaum mit
Sicherheit festzustellen sein. Die am
Schluß stehende Abbreviatur läßt sich viel-
leicht in per (oder pro) D. Tybis auflösen.
Die Vermutung liegt nahe, daß das
Porträt für den Bruder bestimmt war,
von welchem der Brief in der Hand
des Dirk herrührt, und daß der Adressat
des zweiten Briefes eben dieser Bruder
ist. Allerdings scheint die Handschrift
eine andere zu sein als die auf dem
Blatte.

Die Familie Tybis **) läßt sich in
Duisburg urkundlich nachweisen. Die-
selbe erscheint in der Stadtgeschichte
seit dem 14. Jahrhundert sehr häufig.
Bereits 1390 wird ein Diedrich Tybus
erwähnt.***) Namentlich im Laufe des
16. Jahrhunderts bekleideten wieder-

*) eeren = herrn.

**) Der am Niederrhein auch in anderen
Städten vorkommende Geschlechtsname Tybis
ist aus der Abkürzung des Rufnamens Matheus
entstanden. Theus gab Thewis, Tebis, mit Um-
laut Tibis, Tiebes; auch Tybus findet sich.

***) H. Averdunck, Geschichte der Stadt
Duisburg, Duisburg 1894, S. 423 Anm. und
passim. Vgl. auch desselben Verfassers Altes
Verzeichnis der Bürgermeister Duisburgs bis
1614 im Programm des Kgl. Gymnasiums zu
Duisburg N. 398, 1886.

holt Mitglieder dieser angesehenen Kauf-
mannsfamilie das Bürgermeisteramt. So
war Johann Tibis der älteste in den Jahren
1526—1543 acht Male erster Bürger-
meister. Vielleicht dürfen wir in ihm
den Vater des Dirk vermuten. Da
Duisburg zur Hansa gehörte, so finden
sich auch Angehörige dieses Geschlechtes
als Vertreter ihrer Vaterstadt auf den
Versammlungen der Hansa.*) Sicherlich
wäre der Name Tybis im Dunkel der
Lokalgeschichte verborgen geblieben,
wenn er nicht durch die zufällige Ver-
bindung mit Holbeins Genius weiteren
Kreisen überliefert würde.

REMBRANDTS SELBST-
BILDNIS AUS DER SAMM-
LUNG S. B. GOLDSCHMIDT
IN FRANKFURT AM MAIN.

Bei der Versteigerung Goldschmidt
ist unlängst ein wirklicher Rembrandt
unerkannt oder mißverstanden durchs
Sieb gelaufen. Das gute, echte, alte, sehr
interessante Bildchen ist wegen seiner
nahen Verwandtschaft mit den frühesten
bisher bekannten Eigen-Bildnissen des
Rembrandt von manchen viel zu vor-
eilig als alte Kopie beiseite geschoben
worden, obwohl auch Stimmen ver-
nommen wurden, die sich zugunsten
der Echtheit aussprachen. Das Bildchen
wurde für die Sammlung Matsvanszky
in Wien erstanden. Zur Zeit, als man
noch auf Gedächtnisvergleichungen an-
gewiesen war und die frühesten Rem-
brandt überhaupt gar nicht als Werke
des Meisters anerkennen wollte, mußte
es immerhin schwer fallen, die Unter-

*) Höhlbaum-Keussen, Inventar Han-
sischer Archive, Köln I 1531—1571, Leipzig
1896. 1540 Kölner Drittelstag zu Wesel: Joh.
Tybis. 1554 Febr. Alt. Bürgermeister God.
Tyebis. Oktober 1554 Rathm. God. Tiebes, des-
gleichen 1557.
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