Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

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BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 8.

Max Rooses: „Jordaens Leben und
Werke.“ (Stuttgart, Berlin, Leipzig, Union,
deutsche Verlagsgesellschaft. Lex.-8 .)

Prof. Anton Mayr: „Georg Raphael
Donner“ mit einem Anhang über Matthäus
Donner. Text zu 90 photographischen Original-
Aufnahmen von Josef Wlha. (Wien und
Leipzig, Eduard Beyer 1907. Fol.)

Eine Besprechung des ganzen Werkes
fällt zwar nicht in den Rahmen der Blätter
für Gemäldekunde. Denn es handelt sich um
eine Veröffentlichung von Werken des Bild-
hauers G. R. Donner. Da aber der von Prof.
Ant. Mayr mit großer Sachkenntnis, mit her-
vorragender Akribie und mit viel Geschick
gearbeitete Text auch auf den Maler Kaspar
Sambach Rücksicht nimmt und seine Be-
ziehungen zu Donner beachtet, sei in Kürze
auf das neue Werk hingewiesen.

WILHELM BERNATZIK.

Die gegenwärtige Ausstellung in der
Wiener Kunsthandlung Miethke gibt dazu An-
laß, auf einen der zahlreichen Maler einzugehen,
die im Laufe von 1906 hingegangen sind. Bei
Miethke sieht man etwa zwanzig von den
Hauptbildern Wilhelm Bernatziks ausge-
stellt. Was da ist, stammt zumeist aus der
reifen Zeit des Künstlers. Der mühselige
Werdegang ist nur angedeutet. Für das rein
genießende Publikum reicht diese Hälfte des
künstlerischen Schaffens auch völlig aus. Um
den Künstler recht zu verstehen, muß man
sich freilich daneben an die frühen Werke
erinnern und die Bilder aus der zweiten Hälfte
der 1870er Jahre betrachten. In der Ausstellung
bei Miethke ist erst die etwas spätere Zeit
durch den Markt in Lundenburg, durch die
Prozession in Dürrenstein (von 1881) und
durch Studien aus der Lundenburger Gegend
vertreten. Wem die Wiener Malerschule jener
Zeit geläufig ist, der wittert sofort nach der
Wahl des Ortes Lundenburg in dem Maler
einen Lichtenfels-Schüler. Hatte doch Lichtenfels
gewöhnlich in Lundenburg sein Studienlager
aufgeschlagen. Man wird denn auch durch
diese Witterung auf den richtigen Weg geleitet.
Bernatzik ist tatsächlich eine geraume Zeit in
der Lichtenfels-Klasse gewesen, nachdem er
vergeblich jahrelang den Maler in sich unter-
drückt hatte, erst am Gymnasium, dann bei
juristischen Studien. Bei Lichtenfels hat er
im Laufe von zwei Jahren das Handwerkliche
der Kunst erlernt. Doch sagte dem angehenden
Künstler „die Richtung“ dieser Spezialschule
„keineswegs zu“. Das entnehme ich einem

Briefe vom Frühling 1882, aus der Zeit, als
Bernatzik, eine andere, freiere Auffassung
suchend, längst nach Düsseldorf und Paris
gegangen war. Wie es heißt, sei Bernatzik
dann Schüler L. Bonnats in Paris gewesen.
Das ist jedenfalls mit einer gewissen Ein-
schränkung aufzunehmen.

Bernatzik schrieb in einer kleinen Selbst-
biographie, die mir vorliegt *), über seine Lehr-
zeit bei Lichtenfels, über seine weiteren Studien
und fährt dann fort: „Von nun an trat ich
in keine bestimmte Schule mehr ein, sondern
suchte Förderung und Belehrung in dem Ver-
kehre von verschiedenen mir zusagenden
Künstlern.“ In diesem Sinne ist es aufzufassen,
wenn Bernatzik am Schluß seiner Autobio-
graphie selbst mitteilt, daß er ins Atelier
Bonnat eingetreten sei, über die frühere Zeit
des Künstlers erfahren wir durch jene Lebens-
beschreibung folgendes: Bernatzik verließ die
Wiener Akademie. Dann stellte er im Künstler-
hause ein sehr großes Bild: Sturm an der
Küste von Abbazia, aus. Bernatzik schreibt
weiter: „Ich verließ dann Wien, begab mich
nach Düsseldorf, wo ich drei Jahre blieb. Ich
behandelte dort mit Vorliebe den Wald und
Sumpf. Meine Studien hiezu machte ich jahre-
lang in Lundenburg . . . Während meines
Aufenthaltes in Düsseldorf und angeregt durch
eine Reise nach Paris wurde es mir klar, daß
mir die Landschaft allein nicht genügen konnte
und ich widmete mich seither nebenbei auch
figuralen Studien, so daß allmählich in meinen
Landschaften die Figur eine immer bedeuten-
dere Rolle spielte (Jahrmarkt in Lundenburg.
Prozession in Dürrenstein, Franz Josefs-Kai
in Wien). Ich war unterdessen wieder auf
kurze Zeit nach Wien zurückgekehrt und
bald darauf ganz nach Paris übersiedelt,
hauptsächlich um durch gründliche figurale
Studien dieses Gebiet mühelos behandeln zu
können.“ Diese gründlichen Studien sind denn
auch nach wenigen Jahren auf allen Bildern
Bernatziks recht merkbar gewesen, und erst
sie berechtigen dazu, von Meisterjahren des
Künstlers zu sprechen. Da sind die Jahreszeiten-
bilder aus der Mitte der 1880er Jahre: Der
Sommer (aus dem Besitz Engelsmann in
Brünn, jetzt bei Miethke ausgestellt), der
Herbst (aus der Wiener Modernen Galerie,
ebenfalls bei Miethke ausgestellt), der Winter
(im Besitze der Kunsthandlung Miethke). Der
Frühling (aus dem Besitz des Fräuleins Ger-
trud Thonet, wie das Neue Wiener Tagblatt
jüngst mitteilte) wurde nachträglich einge-

*) Als ich den Artikel Bernatzik für Julius
Meyers Künstlerlexikon arbeitete, ersuchte ich den
Künstler, der damals in Paris lebte, um Auskünfte.
Der Antwortsbrief enthielt eine kurze Lebensbe-
schreibung.
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