Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

Page: 125
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Nr. 7.

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

125

Zone. Die Jahreszahl ist nach meinen Notizen
nur bis zur vierten Ziffer deutlich und lautet
„165.“ Eine nach 1650 fallende Landschaft aus
Brasilien war bei Zschille in Dresden. In der
Schleißheimer Galerie befindet sich ein Post'
sches Werk, wieder von Interesse für den
Zoologen. Es bringt ein Gürteltier zur Dar-
Stellung. Dieses Bild ist mit 1649 datiert.

Auch die lange Reihe der Radierungen
fällt in die Zeit nach der brasilianischen
Reise. Interessanter, als diese Spätlinge, die
übrigens gut genug sind und namentlich die
Kenner brasilianischer Geschichte und Kultur
interessieren dürften, sind die etwas früher
noch in die Reisezeit fallenden Werke unseres
Malers, wie die Vedute mit der Insel Tama-
raca, die Post 1637 gemalt hat (Ryksmuseum
zu Ämsterdam Nr. 1904). Von einem anderen
Bild, das dieselbe Insel darstellt, handelt ein
Artikel in der Zeitschrift „Nederlandscher
Kunstbode“ (Bd. I, 1879).■*•)

AUS DER LITERATUR.

Eduard Kulke: Kritik der Philosophie
des Schönen, mit Geleitbriefen von Prof. Doktor
Ernst Mach und Prof. Dr. Friedrich Jodl,
herausgegeben von Dr. Friedrich S. Krauß.
(Leipzig, Deutsche Verlagsgesellschaft 1906.)

Bei Kant ist die Subjektivität des Ge-
schmacks ziemlich deutlich ausgesprochen,
wenngleich nicht unbedingt anerkannt. Zahl'
reiche neuere Philosophen streifen oder be-
sprechen diese Angelegenheit, die von Kulke
gegen Ende seiner Laufbahn in sehr ein-
gehender Weise studiert worden ist. Er hat
seine Arbeit nicht mehr selbst herausgegeben.
Die Veröffentlichung, die uns vorliegt, ist nach
Kulkes Ableben von seinen Freunden besorgt
worden. Sie ist nun so gedankenreich und be-
deutend, daß ihr an dieser Stelle besondere Be'
achtung gebührt. WennKantnoch zögert (z. B.
„Kritik der Urteilskraft“, $ 7), auszusprechen:
Jeder hat seinen besonderen Geschmack, so

*) In alten holländischen Katalogen kommen
nicht ganz selten „westindische gezichten“ von Frans
Post vor (siehe Hoet I, S. 46, 71, 77. 141, 198. II, S. 223
und 237, III, S. 14 und 50). Eine „Indische Landschaft
mit Figuren von Ferd. de Post“ kommt im Wiener
Inventar Jäger von 1865 vor. Das Bild war später im
Besitz des Herrn Barons Wilhelm Haan in Wien. In
der Auktion Friesen zu Dresden fand sich eine bra-
silianische Landschaft unseres Post (Lützows Kunst-
chronik XX, 506). 1902 kam eine andere bei der
Amsterdamer Versteigerung Oldenbarnevelt zum Vor-
schein. Noch andere auf anderen Versteigerungen. Das
Bildnis des Frans Post ist von J. Suyderhoef ge-
stochen (Wussin Nr. 68). Die Handbücher und Lexika
behandeln unseren Post fast alle, auch Kramm. Hou-
braken ist zu beachten (II, 343 f«), der von Descamps
ausgeschrieben wird. Zu beachten auch die Bilder in
Mainz, Schwerin, im Archivgebäude zu Frankfurt a. M.

zielt das ganze hinterlassene Buch Kulkes dar-
auf hin, die vollkommen freie Subjektivität
des Geschmacks und die Gleichberechtigung
aller ästhetischen Gefühle zu verteidigen. Ich
meine, Kulke tat teilweise daran recht, wenig-
stens in bezug auf die Subjektivität des Ge-
schmacks. Denn, wo immer reine Geschmacks-
angelegenheiten vorurteilsfrei beachtet und
studiert werden, ist Einigung, genaue Über-
einstimmung noch niemals erzielt worden,
eine Einigung höchstens in dem Sinne, daß
alle die unberechenbare Mannigfaltigkeit d«r
ästhetischen Begutachtung anerkannten, nicht
aber Einigung in bezug auf die Färbung des
sogenannten Geschmacksurteils. Im besten
Falle gab es eine Gruppenbildung. Manche
neigten nach dem Schön hin, andere nach
dem Häßlich; weitere Urteile bevorzugten eine
Annäherung an die indifferente Zone, an die
teilnahmslose Mittellinie, und zwar alle in be-
zug auf ein und dasselbe Kunstwerk. Derlei
Beobachtungen werden von Kulke benützt,
und er strebt in geistreich vorbereiteten Fol-
gerungen dahin, zu beweisen, daß die Emp-
findungen nicht nur jedesmal subjektiv, son-
dern auch stets gleichberechtigt seien. Da
kann man zunächst gar nicht widersprechen.
Warum soll nicht jeder dasselbe Recht haben,
etwas schön oder häßlich zu finden, wie er
das eben fühlt? Daneben läuft aber wohl bei
den meisten Beurteilern des Buches der Ge-
danke, wie er auch bei Kulke ausgesprochen
wird: Man kann . . . die Unantastbarkeit der
Empfindung eines jeden einzelnen respektieren,
ohne darum auch zuzugeben, daß das Gefühl
des einen denselben Wert habe, wie das des
anderen“ (S. 3x8). Hier aber kommen wir auf
ein Gebiet, das Kulke nicht weiter bebaut
hat. Mit den ahnungsvollen Worten, die eben
angeführt worden sind, hat es sein Bewenden.
Kulke nähert sich nur der Angelegenheit, ohne
sich ihrer zu bemächtigen. Er unterdrückte
die gesunde Regung. Wie nahe lag es doch,
zu sagen: Diejenige Empfindung ist die wert-
vollere, die ein künstlerisch wertvolleres Werk
anerkennt, neben der Empfindung, die das
mindere verhimmelt. Vor solchen Erörte-
rungen scheute Kulke noch zurück, ja er ver-
teidigt die Gleichberechtigung des Geschmacks
bis zu Ende des Buches (hiezu besonders zu
beachten S. 322 f.). Genauere Erörterungen
waren damals, als Kulke schrieb — das ist
gegen 1896 — noch nicht recht vorbereitet.
Ein Schriftchen, auf diese Dinge bezüglich,
das ich, durch einen Wink E. Machs ver-
anlaßt, Kulke um die Jahreswende 1896 auf
1897 sandte, konnte wohl nicht mehr berück-
sichtigt werden, und gerade in bezug auf die
Angelegenheit der Geltungsunterschiede des
Geschmacks, die eine nicht gefühlsmäßige Be-

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