Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

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BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 6.

Es kommt mir annehmbar vor,
daß die Van Eycks die Öltechnik im
sofern plötzlich auf eine hohe Stufe
gebracht haben, als sie in ihrer Werk'
statt besonders gute Öle und Firnisse
bereiteten. Damit wurde die Ölmalerei
rasch aus den Niederungen der Am
Streicherei in die Höhen der vollendeten
Tafelmalerei gehoben. Diese technischen
Vorbedingungen mußten erfüllt sein,
bevor die Van Eycks ihr malerisches
Genie konnten frei walten lassen, bevor
sie ihren unglaublich feinen Farbensinn
im Schaffen befriedigen konnten. Die
Technik der Vor'Van Eyckschen Zeit,
soweit es sich um große Altartafeln
handelt und nicht etwa um feine Buch'
malerei, hätte Farbenwirkungen und
malerische Feinheiten, wie es deren so
viele auf den sicheren Van Eycks zu
bewundern gibt, unmöglich aufkommen
lassen.

In den Niederlanden geschah also
der Umschwung ziemlich plötzlich und
entschieden. Anders in deutschen Lam
den. Wie es scheint, haben die meisten
deutschen und deutsch'schweizer Tafel'
maler nicht sofort den Schritt von der
älteren Tempera mit Eiweiß oder Leim
zur neueren echten Ölmalerei ausgeführt.
Ein solcher Schritt war aber nötig.
Denn wie in den Niederlanden und in
England war eben die ältere Tafelmalerei
in Tempera hergestellt und nur für
dekorative Wandmalereien und Anstriche
verwendete man Ölfarbe.

Auf die Temperabilder Deutschlands
und der Schweiz folgen dann der Ent'
stehungszeit nach gewöhnlich Gemälde,
deren Technik nicht allzuklar ist, die
übrigens im Gegensatz zu den gleich'
zeitigen Niederländern auf ein trübes
Bindemittel schließen lassen. Die Färbern
Schicht dieser Bilder ist überaus wider'
standsfähig. Von Sprungbildungen ab'
gesehen, haben sich viele dieser Gemälde
so erhalten, als seien die 400 Jahre, die
sie miterlebt haben, spurlos an ihnen

vorübergegangen. Ich vermute, daß sie
in jener wasserbeständigen Mischterm
pera ausgeführt sind, die bis zu einem
gewissen Grade Eiweißmalerei und Öl'
technik in sich vereinigt. Es ist die
Emulsionsmalerei, bei der Eiweiß fein
verteilt im Trockenöl aufgeschwemmt
ist. Chemiker und Physiker wissen über
Emulsionen genauen Bescheid. Der Laie
erhält am raschesten einen Begriff von
einer Eiweißemulsion, wenn er sich an
Mayonnaise erinnert, die eine Emulsion
von Eiweiß in fettem öle ist. E. Berger
meinte, daß die Neuerung der Van
Eycks in der Erfindung der Emulsions'
technik bestanden habe. Ich kann dem
verdienten Maler, Gelehrten und Ex'
perimentator in diesem Falle nicht bei'
stimmen. Die Quellen sagen nichts davon,
daß die Van Eycks mit Mischtempera
im Sinne der Emulsionsmalerei ge'
arbeitet hätten. Die Proben in Emulsions'
malerei aus Bergers und anderer Händen,
interessante Versuche, die ich betrachtet
habe, sehen denn auch niemals den
altniederländischen Bildern ähnlich,
vielmehr sind die meist gelungenen
Proben die im Stil der Altdeutschen
gehaltenen. Das substantiöse, wenig
durchscheinende Ansehen dieser Misch'
tempera verbindet die neuen Versuche
mit vielen altdeutschen Bildern. Die
Mischung der Bindemittel kann bei den
Meistern dieser Übergangstechnik nicht
immer dieselbe gewesen sein. Dagegen
spricht ebenso die allgemeine Wahr'
scheinlichkeit, wie die Betrachtung der
Bilder, die auf ein beträchtliches
Schwanken des Zusatzes von Eiweiß
und des Gehalts an klaren Trockenölen
schließen lassen. Auch sind Lasuren in
reiner Öltechnik wohl zu beachten.
Überdies möge man stets an das Ein'
dringen späterer Firnisgaben in die alte
Malerei denken und auf allerlei andere
Störungen des Anblicks gefaßt sein.

Die deutsche Malerei wird erst
gegen das 17. Jahrhundert hin reine
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