Frimmel, Theodor von [Hrsg.]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

Seite: 144
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144

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 8.

handelt ist. Vor demNamen(Ambrosius)
Viviani war wenig Raum. Dort mußte
stark gekürzt werden, daher nur das S
vor Ambrosius. Zwischen Viviani und
Petrus Munti blieb mehr Spielraum
zur Verfügung. Man begann mit: Sanct
Ludovicus. Dann ging es wieder knapp
zusammen und S mußte ganz nahe an
Petrus heran.

Die oben gebotene Deutung der
Inschrift ist schon in meinem Kurs über
Gemäldekunde von 1905 auf 1906 vor'
gebracht worden, doch blieb sie bisher
ungedruckt. Erst heute wird sie der Be'
urteilung solcher Fachgenossen vorge'
legt, die sich mit ähnlichen Studien ab'
gegeben haben.

EIN BISHER VERBORGEN
GEBLIEBENES GRILLPAR'
ZER'BILDNIS.

Die gar ungleiche Bedeutung von
Bildnissen findet ihre Begründung in
höchst mannigfaltiger Weise. Künst'
lerische Bedeutung in allen Abstufungen,
Grad der Bedeutung des Dargestellten,
Art der Wiedergabe und was nicht sonst
noch alles verschiebt je nach Umständen
das Urteil. Man wird in manchen Fällen
zweifeln dürfen, ob ein Porträt der Er'
haltung überhaupt wert ist. In anderen
Fällen anerkennt jeder Kunstfreund
ohne Bedenken, daß es sich um ein sehr
beachtenswertes Bildnis handle. Ich hoffe,
daß sich das anbei abgebildete Porträt
des Dichters Franz Grillparzer als
so ein beachtenswerter Fall herausstellen
wird. Wir haben es da nämlich mit
einem nahezu fest beglaubigten, in
seinem Auftreten gänzlich unverdäch'
tigen Blatte, einer Bleistiftzeichnung zu
tun, die sich, wie sogleich vorausge'
nommen sei, in einer vollkommen
zwanglosen Weise in die Reihe der
frühen Bildnisse Grillparzers einfügt.
Es befindet sich schon seit mehreren

Jahren im Besitze des bekannten Wiener
Sammlers Dr. August Heymann, der
es um ein Billiges vom Lithographen
Kann erworben hat. Kann seinerseits
hatte es nach seiner Aussage aus der
Familie Goebel an sich gebracht. Ein
Vermerk, der rechts unten mit Bleistift
hingeschrieben ist und zum mindesten
nicht modern ist, besagt: „Grilparzer
1823 gezeichnet von Carl Peter
Goebel«. Wir nehmen ja solche Ver'
merke nicht sofort als unanfechtbare
Beglaubigungen an. Wir prüfen sie erst
innerlich und äußerlich. Vergleichungen
mit sicheren Bildnissen Grillparzers
werden den weiteren Weg weisen. Der
Vermerk aber erregt keinerlei Verdacht
und könnte der Schrift nach sogar aus
der Zeit stammen, die auf dem Blatte
genannt ist. Bei alledem nehme ich die
Beischrift nicht als alte Signatur und
Datierung von Carl Peter Goebels Hand,
sondern als einen alten Vermerk, der
die Familienüberlieferung festhielt. Ein
Fälscher hätte wohl sicher einen mehr
bekannten Namen hingesetzt, und ich
meine, er hätte nicht leicht so glänzend
die Zeitperiode erraten, in welcher dieses
Bildnis gerade fallen muß. Damit
kommen wir zum Porträt selbst und
zur Vergleichung mit fest beglaubigten,
zum Teil sicher datierten Grillparzer'
Bildnissen heran. Vorjahren hatte mich
die Angelegenheit der Porträte Grill'
parzers sehr gefesselt und ich bat
Heinrich Laube, mir Erinnerungen und
Aufschreibungen mitzuteilen, die das
Thema betrafen. Laube war so freundlich,
mir seinen Entwurf zu einem Verzeich'
nis der Bildnisse des großen Dichters
zu leihen. Auch hatte ich Gelegenheit,
die meisten der angeführten Bildchen
und Gemälde selbst zu sehen. Eine
Übersicht wurde durch mich in der
„Wiener Zeitung“ vom 5. und 6. Sep'
tember 1885 veröffentlicht.

In der Reihe der frühen Grillparzer'
Bildnisse sind die zwei ersten von
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