Frimmel, Theodor von [Hrsg.]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

Seite: 195
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Nr. io.

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

195

Die Jahreszeitenbilder, die M. Merian nach
Seb. Vrancx gestochen hat, sind nicht zu über-
sehen. R. Sadeler stach eine Landschaft nach
S. Vrancx. Andere Stiche wurden oben schon
genannt oder sind bei H. Riegel erwähnt.

Zum Bilde in Neapel bemerke ich, daß
es ehemals Van Bassen benannt war. Gegen
diese Benennung trat schon 1882 auf das
„Bulletin des Commissions Royales d’art et
d’archeologie“ (Brüssel, Bd. XXI, S. 196 f.) und
unter Hinweis auf H. Hymans wurde schon
damals Sebastian Vrancx genannt. In Wolt-
mann und Woermanns Geschichte der Malerei
ist das Bild schon als Werk des Seb. Vrancx
eingereiht (III, S. 400). Vgl. überdies Chronique
des arts et de la curiosite 1893, Nr. 3.

Dieses Werk ist monogrammiert mit
dem bekannten Handzeichen (S und V, ver-
schlungen) und trägt überdies das Datum 1615.
Die Behandlung der Architektur erinnert wieder
an Willem van Nieulandt und das viel mehr als
an die von Seb. Vrancx selbst gemalte Archi-
tektur der Innenansicht in der Wiener Galerie.
Die vielen Figürchen sind scharf Umrissen,
sorgsam gezeichnet. Die Augen gewöhnlich in
Form kleiner matter Kleckse wiedergegeben.
Nasen gelegentlich etwas spitzig und weit
herabreichend, hie und da auch regelmäßig
geformt. Die Hände durchschnittlich mit Ver-
ständnis gezeichnet. Bezüglich der dargestellten
Bauwerke und Plastiken muß ich Sie an die
Spezialisten für die Kunsttopographie von Rom
weisen. Daß übrigens rechts im Mittelgründe
das Casino der Villa Medici dargestellt ist,
haben Sie auch ohne Spezialisten schon heraus-
gebracht.

Gestatten Sie den Hinweis auf einen
Parallelmeister zu Seb. Vrancx, auf den nicht
uninteressanten Louis de Caullery, von dem
die Hamburger Kunsthalle ein signiertes Bild
mit Architektur und Figuren besitzt, dem ich
ein stilistisch verwandtes großes Bild der
Sammlung v. Klarwill in Wien zuschreiben
möchte und von dem vielleicht ein kleineres
Architekturbild der Sammlung Lanckorönsky
in Wien herstammt. Eine alte Kopie nach
Caullery ist mir vor Jahren in der Sammlung
J. Boscowitz ebenfalls in Wien aufgefallen. Ich
vermute, daß sich nicht wenige Werke dieses
Caullery unter falschen Benennungen noch
erhalten haben. Möglicherweise ist er identisch
mit dem Lois van Brussel, den Van Mander
nennt. Gehen Sie doch auch dieser Sache nach
und zirkeln Sie Ihr Thema nicht allzu enge ab.

Die Literatur über Seb. Vrancx wird
Ihnen bald geläufig werdeh. Van den Branden
und die Liggeren sind bei H. Riegel ausgenützt.
Aufzuschlagen die alten Künstlerlexika, Naglers
Monogrammisten, M. Rooses: Geschichte der
Malerschule von Antwerpen, ferner Michiel:

Histoire de la peinture flamande (VII, S. 268ff.).
Amedee Lynen: Sebastien Vrancx (Brüssel 1901)
kann für Ihre Zwecke nichts bieten. Viel mehr
im Rubens-Bulletyn Band III und IV. Nach-
zugehen wäre auch den Stechern, die nach
Seb. Vrancx gearbeitet haben. In alten In-
ventaren manches zu finden, z. B. im Ver-
zeichnis der Sammlung Muselli in Verona
(nach Campori: Raccolta di cataloghi waren
zwei Schlachtenbilder von Vrancx bei Muselli).
In einem altholländischen Inventar von 1692
wird eine Andromeda von S. Vrancx erwähnt
(Oud Holland XIX, S. 70). In de* Wiener
Sammlung Kaunitz hat sich ein Reitergefecht
von S. Vrancx befunden. Ob identisch mit
dem monogrammiertenSeb. Vrancx in Auster-
litz, ist fraglich (Kriegerische Szene in der
Nähe eines Vorwerks von Antwerpen —
hiezu Wiener Zeitung vom 9. Mai 1895). —
Noch anderes in G. Hoets Katalogsammlung
Werke von S. Vrancx kamen mehrmals vor,
auch in neueren Amsterdamer Versteigerungen,
bei der Münchener Auktion Pracher 1901
(Nr. 575) und an anderen Orten. Herr Dr. V.
d. Borch im Haag besaß eine monogrammierte
Landschaft mit vielen Pferden. Die früheste
gedruckte Erwähnung des Künstlers dürfte die
von 1604 in Van Manders Malerbuch sein.
Im Leben des Otho Veenius wird ohne Zu-
sammenhang mit diesem Seb. Vrancx genannt
als Schüler des Adam van Noordt und als ge-
schickter Darsteller von Landschaften, Pferden
und menschlichen Figürchen (Urausgabe,
Bl. 295 b).

NATURSINN UND LANDSCHAFT.

Gar nötig wird es mehr und mehr, die
Bedeutung echten Natursinnes zu betonen.
Die wenigsten Großstädter haben ein tiefes
Fühlen für landschaftliche Reize. Was sie von
Kindheit auf umgibt, hat ja mit der freien
Natur wenig oder gar nichts zu schaffen.
Park und Garten lassen sich der freien Natur
nicht gleichstellen. Dem Bewohner der Häuser-
meere, dem Atmer der abgelebten Stadtluft
gestattet es gewöhnlich nur der Sonntag oder
die Ferienzeit, ins Freie zu gelangen. Dort
gucken die Ankömmlinge durchschnittlich
recht verständnislos umher. Sieht es doch
weit draußen ganz anders aus, als in den
städtischen Anlagen: andere Bäume, andere
Blumen, andere Insekten, und darunter gar
so viele, die nicht in den Schulbüchern-Vor-
kommen. Die Wege, in ihrem Verlauf zumeist
durch den landwirtschaftlichen Besitz oder
weiter oben in den Bergen durch das bestän-
dige Abwittern der Erdrinde bedingt, verlaufen
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