Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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verwirklicht zeigt, den wir von unseren
besten konservativen Köpfen erhofft ha°
ben und den Kardorff seit lange schon
nicht als der einzige Konservative ver--
trstt. Schade, daß uns der Papier«
mangel zur Beschränkung auf ein paar
besonders bezeichnende Worte zwingt!

„<Ls war ein furchtbarer Zusammen-
bruch, und kein Vorwurf ist schwer
genug, daß man uns in einen Opti-
mismus hineingehetzt hat, bis man uns
plötzlich sagen mußte: ja, nun steht Ihr
am Bankrott Eures Vaterlandes! Aber
sind wir alle denn nicht mitschuldig?
Wollten wir denn die Wahrheit hören?..
Mich hat das ganze letzte Iahr hin°
durch, vielleicht die letzten anderthalb
Iahre hindurch, geradezu immer ein
Grauen erfaßt, wenn ich von diesen
optimistischen Kriegszielen hörte, die da
entrollt wurden." Seit Amerikas Da°
zukommen zu all den anderen sei der
Krieg nicht mehr zu gewinnen gewesen.
„Aber wie wäre es denn nun gewesen,
wenn wir damals, wo alle Fronten
hielten und wo wir iwch alle Bundes-
genossen auf unserer Seite hatten, ge°
sagt hätten: wir wollen einen Frieden
der Verständigung, wir wollen gegebe--
nenfalls für diesen Frieden auch Opfer
bringen? Nun srage ich Sie — ich
frage jeden Einzelnen —: hätten Sie
das ertragen? (Rufe: Nein!) Sehen
Sie, das ist die große Schuld des deut°
schen Volkes! Wäre ein solcher Friede
geschlossen worden, ein Sturm des Un°
willens wäre durch das Land gegangen.
Wir haben nicht das Verständnis da°
für gehabt, daß dieser Kampf ein Kampf
war um die Existenz unseres Vater--
landes, daß das ein Kampf war, wo
die Hilfsquellen der ganzen Erde an
Menschen und an Material auf seiten
unserer Gegner standen, sondern wir
haben im Kampf gegen diese Welt von
Feinden ein stärkeres Deutschland er°
hofft, ein Deutschland mit erweiterten
Grenzen. Wir mußten uns sagen, daß
es nichts anderes in diesem Kampfe
gab als die Selbstbehauptung,
und daß die Selbstbehauptung, wenn
wir sie erreicht hätten, die Unversehrt-
heit unserer Grenzen und noch mehr,
das größte Ruhmesblatt deutscher Ge°
schichte gewesen wäre."

Kardorff sprach dann von der alldeut-
schen Agitation. „Der Vorwurf der

Kriegsverlängerer und der Beütepölsti-
ker auf der einen Seite und der Vor-
wurf des tzungerfriedens, des Verzicht»
friedens, des Friedens der Miesmacher
und der Flaumacher auf der andcren
Seite! M. H., es war doch — wir
müssen das heute einmal ganz offen
eingestehen — für viele Kretse eine
ganz abgemachte Sache, daß Herr Schei-
demann das Vaterland ruinieren will,
daß Erzberger ein bestochener Iesust
ist und daß das Berliner Tageblatt und
die Frankfurter Zeitung im Solde des
Auslands schreiben, direkt von ihm be-
zahlt werden. And dann ist ein Schlag-
wort gebildet worden, das nie HLtte ge-
prägt werden sollen: das Wort vom
Hindenburgfrieden im Gegensatz zum
Verzichtfrieden. Was haben wir damit
angerichtet l... Aber diese ganze Be-
wegung litt an einem großen grund-
sätzlichen Fehler: an dem mangelnden
Verständnis für die Pshchologie anderer
Parteien, an dem mangelnden Ver-
ständnis für die Mentalität der gro»
ßen Massen. Wir glauben immer,
die Leute sollen alle so sein, wie wir
sind; wir glauben immer, daß das,
was uns das Herz höher schlagen läßt,
überall dieselbe Wirkung haben muß.
Das Gegenteil ist der Fall. Was uns
begeistert hat — wir müssen das ganz
offen aussprechen —, hat auf andere
Kreise trenneud und wie Scheidewasser
gewirkt. Man macht den Vorwurf und
sagt: ja, wir mußten dem entgegen-
treten, die Stimmung an der Front
wurde verwüstet. Daß geringe Kriegs-
ziele die Stimmung an der Front ver-
wüstet hätten, das kann ernstlich nie-
mand behaupten. Unmenschliche Lei°
stungen hat die Front vollbracht, über-
menschlich hat sie gearbeitet. Wäre das
denn nun anders geworden, wenn wir
alle hier noch mehr Hurra geschrien
hätten? Glaubt denn ein Mensch, daß
dann die Front wirklich heute anders
verlaufen würde, als sie verläuft?"

Kardorff sprach dann von der Aber°
macht des Materials, dem wir auf die
Daucr unmöglich hätten Stand haltcn
können. „Mit einer — ich kann es
nicht anders sagen — unverantwortli-
chen Leichtfertigkeit ist doch das Land
in diesen Ubootkrieg gegen Amerika
hineingehetzt wordcn. Ia, die ameri-
kanische Hilfc, so ein Phantom!, hat

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