Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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dcr Hroßadmiral von Tirpitz gesagt.
Lin böses Wort! Ich meine, wer sich so
irrt in den Lebensfragen eines Volkes,
der steht gerichtet da für alle Zeiten."

Dann sprach dieser konservative
preußische Landrat davon: „daß es uns
nicht gelungcn ist, eine einheitliche
Front im Innern herzustellen." „M.
h., es ist einc Tatsache, daß die sozial-
demokratischen Arbeiter, die großen so°
zialdemokratischen Massen bei Beginn
des Krieges in unendlicher Treue zu
ihrem Vaterlande gestanden habcn.
Hieraus mußten innerpolitisch die er-
forderlichen Konsequenzen gezogen wer-
den. Man hat immer gesagt: Ia Gott,
wenn wir einen starken Mann hätten,
wie ihn England hatte und Frankreich,
wie anders würden wir dastehen! (Sehr
richtig!) Das, glaube ich, ist nicht sehr
richtig, und zwar aus dem Grunde,
weil in Frankreich und England die
Diktatur eine Diktatur des Parlaments
und damit eine Diktatur des Volkes
ist. Diese Diktatur läuft mit dem Tage
ab, wo diese Männer nicht mehr die
Mehrheit hinter sich haben. Das ist
etwas ganz anderes als eine Diktatur
eines Mannes, der dann womöglich das
ganze Parlamcnt ausschalten und ge-
gen weite Volkskreise regieren will. Eine
solche Diktatur hätte zum frühzeitigen
Zusammenbruch -es Landes geführt."

Dann kam das verhängnisvolle
Hinauszögern der Wahlrechtsreform
zur Sprache und wieder die Art des
inneren Kampfes. „Ich hoffe, wir wer°
den aus diesen Erfahrungen lernen,
daß es eines gebildeten Volkes würdig
ist, Achtung zu haben vor der Aber°
zeugung des politischen Gegners. Ich
hoffe, die Erinnerung an diese Kämpfe,
die späteren Generationen noch die
Schamröte ins Gesicht treiben wird,
wird reinigend auf unser kommendes
politisches Leben wirken. Ich hoffe, wir
werden es uns abgewöhnen, politische
Gegner für persönlich minderwertig zu
erachten."

Kardorff stellt sich nun rückhaltlos
auf den Boden der neuen Zeit. „Der
Zeiger der Ahr ist ein weites Stück
.vorgestcllt worden, keine Macht der
Erde wird aber in der Lage sein, ihn
wieder zurückzustellen."

„Wie immer man über das zu°
sammengebrochene Shstem denken mag,

zwei Tatsachen müssen wir erkennen:
es hat uns keine Freunde im Auslande
gcmacht, dies starke Deutschland hat
keine Anziehungskraft auf andere Län°
der gehabt, und weite und weiteste
Kreise im Innern stanüen ihm ableh-
nend gegenüber. Wenn wir heute sehcn,
daß man hier im Osten von uns weg»
drängt, daß die polnischen Kreise sich
nach dem polnischen Reich sehnen, so
kann man das auch leicht verstehen.
Wenn man aber sieht, daß das Elsaß,
das zu 90 v. H. dcutsch ist, den Tag
und die Stunde herbeisehnt, wo cs
aus der deutschen Volksgemeinschaft
herausgehen kann, — das ist eine furcht-
bare Anklage gegen das bisherige Sh°
stem." „Es ist nicht wahr, wenn man
es so hinstellt, als ob eine machthung-
rige Demokratie diese Not des Vaterlan-
des benutzt hätte, um die Macht in
ihre Hände zu bringen. M. H., das
Waffenstillstandsangebot ist gemacht
worden auf Anregung der Obersten
Heeresleitung — Professor Hoetzsch in
der Kreuzzeitung hat das neulich noch
mit anerkennenswertem Freimut ge°
sagt —, und die Demokratisierung
Deutschlands war ein integriereirder Be°
starrdteil der ganzen Aktion."

Kardorff zeichnete dann mit Worten
tiefsten Ernstes ein wahres Bild der un-
säglichen Verluste durch diesen Krieg.
Ebenso offen und schminkelos schloß er
mit Hinweisen auf die Not der Zeit, die
nun kommen wird. Der Frieden wird
sein „ein zehntausendmal schlechterer
Frieden als das, was wir als Hunger--
und Verzichtfrieden verspottet habcn.
Wir waren übermütig im Glück, seien
wir nicht kleinmütig im Anglück. Ver-
lieren wir nicht den Glauben an unsere
Zukunft, nicht den Glauben an Deutsch-
land. Wir können, auch wenn wir die
Unterlegenen sind, mit Stolz der Welt
ins Gesicht sehen. Kein Volk der Welt
hat das geleistet wie wir. Mögen wir
am Schandpfahl der öffentlichen Mei°
nung stehen in den uns feindlichen Län°
dern, mögen wir durch die Gosse ge-
zogen werden, mag man uns als Bestien
in Menschengestalt hinstellen, — wenn
erst einmal die Lügengewebe zerrissen
sind, dann wird der deutsche Namc und
die deutsche Ehre blank und rein vor
der Welt dastehn, dann wird man sich
wieder darauf besinnen, daß kein Volk
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