Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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KUNSTEPOCHEN IN DER VERGLEICHUNG

Man muß vorsichtig sein in der Ausspielung
verschiedener Kunstepochen gegenein-
ander, also etwa in der Ausspielung der Antike
oder der Gotik gegen die Moderne oder gar
des Exotismus gegen Europa. Über den letz-
teren Fall sagt Hugo Ball: „Wir nehmen von
den Negern die magisch - liturgischen Stücke,
und nur die Antithese macht sie interessant.
Wir drapieren uns als Medizinmänner mit ihren
Abzeichen und ihren Extrakten, erlassen uns
aber gern den Weg, auf dem sie zu diesen
ihren Kult- und Paradestücken gekommen
sind." Dieses Wort weist auf die Verkehrtheit
hin, die in rasch gewagten Vergleichungen ver-
schiedener Kunstbezirke oder gar in Anleihen
bei abgelegenen Kunstweisen steckt. Wir halten
uns da immer an die ornamentale Außenseite,
aber auf die Lebensverbundenheit dieser Orna-
mentik, auf die ganze ernsthafte Welt, in die sie
eingebettet ist, lassen wir uns nicht ein. Wie
oft wird der europäischen Kunst von heute, sei
es zum Tadel, sei es zur Ermutigung, die Kunst
der Gotik oder der Renaissance, des alten
Indien oder des alten Griechenland vorgerückt,

und wie selten wird dabei daran gedacht, daß
die Kunst doch nur die sinnfällige Blüte an
einem ganz bestimmt gearteten Baum ist, mit
dessen Wesen so eng verbunden, daß diese
Blüte eben nur von diesem Baum und von
keinem andern gefordert werden kannl Was
ist denn an der Gotik vergleichbar mit der Ge-
genwart? Vielleicht eine Reihe von negativen
Einzelheiten, von ewigen Menschlichkeiten.
Nicht nur, daß unser reales heutiges Sein mit
dem Sein der Gotik nichts zu tun hat: selbst
unser Wissen kann zu diesem Sein nicht mehr
ernstlich zurückfinden. Zwar sind wir alle naiv
genug, uns das zuzutrauen. Ein Jeder redet
von der Gotik, von der Antike als von einer
Sache oder von einem Zustand, den er kennt.
Aber in Wirklichkeit ist uns keine Vergangen-
heit in ihrem Ansich-Sein bekannt, sondern nur
unsre Vorstellungen von ihr. Wir „kennen" im
Grunde nichts als die Welt, in der wir leben,
die Aufgaben, die uns gesetzt sind, die Be-
dingungen, unter denen wir zu arbeiten haben.
Und das ist Kenntnis genug, Grundlage genug
für das Werk, das von uns verlangt ist. — w. m.
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