Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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Note geben kann. Wir sehen vor allem
aber auch an unseren Nebenmenschen, daß
jeder von ihnen einen bestimmten Bewe-
gungsstil hat, der ihn schon von weitem zu
erkennen gibt. Wir sehen den Pedanten mit
engen Schritten und angelegten Ellbogen
daherkommen. Wir bemerken die weit-
räumigen Bewegungen des Sanguinikers,
die straffe, gespannte Körperhaltung des
Energievollen, das leichte, knappe be-
herrsche Aultreten der Dame von Welt.
Gehen wir von solchen Beobachtungen
weiter, so bemerken wir leicht, wie es
trotz dieser individuellen Verschiedenheiten
einen bestimmten Bewegungsstil ganzer
Gruppen, ganzer Stände, ja ganzer Völker
und Zeiten gibt. Wer ins Ausland geht,
dem fällt dort vor allem das gewandelte
Körpergefühl auf, und wer gar aus seiner
Zeit herausgeht und sich mit Hilfe der
künstlerischen oder photographischen oder
auch literarischen Darstellung in das Kör-
pergefühl einer ferneren oder näheren Ver-

ENTWUBF: PROF.FEITZ AUG. BREUHAUS. »TISCHLAMPE1

KÖRPERGEFÜHL DER GEGENWART

DieKunst- und Gewerbeform einer jeden
Epoche wird letzten Endes von dem
Körpergefühl beherrscht, das der betreffen-
den Zeit eigen ist. Was ist unter Körper-
gefühl zu verstehen? Wir verstehen da-
runter den Bewegungsstil der Menschen
einer bestimmten Zeit, das besondere Ver-
hältnis von Schwung und Zurückhaltung,
von Spannung und Lockerung, wie es in
den körperlichen Äußerungen einer Epoche
zutage tritt. Daß es ein solches bestimmtes,
wandlungsfähiges Körpergefühl gibt, kann
jeder Einzelne am besten an sich selbst be-
obachten. Wir merken, daß wir einen an-
deren Bewegungsstil annehmen, wenn z. B.
das enthemmende und zugleich ordnende
Element eines Rhythmus über uns Macht
gewonnen hat. Wir merken, daß ein Film-
künstler von besonders guter oder beson-
ders einprägsamer Körperführung unserem
Bewegungsstil vorübergehend eine andere

AUSFÜHRUNG: WÜRTT. METALLWARENFABRIK—GEISLINGEN
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